Regatta & Wettkampf

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Licht und Schatten in Linz

Beim Höhepunkt der Saison ging es um die Herausforderung, Weltmeister zu werden. Noch wichtiger indes: Hier wurden die Startplätze für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr vergeben. Die deutschen Boote ruderten unter 80 Nationen auf Rang vier. Doch für Tokio hatte man sich mehr Startplätze erhofft.

Keine Frage: Die Linzer Weltmeisterschaft wird aus vielerlei Aspekten heraus allen Beteiligten aus der ganzen Welt lange im Gedächtnis bleiben. Das beginnt vor allem mit dem größten Meldeergebnis einer WM aller Zeiten, was die Zahl der Nationen angeht. Über 1.200 Aktive aus 80 Ländern waren auf die „Road to Tokyo“ eingebogen, denn es wurden die Weichen gestellt, um bis zu 11 Boote pro Klasse für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Das lockte selbst so exotische Länder wie Bahamas, Vanuatu, Kiribati und Singapur an die Donau. Schließlich sind es insgesamt nur 526 Rollsitze in 206 Booten, die in Tokio rudern werden – und der Löwenanteil dieser designierten Olympioniken sollte auf dem Seitenarm der Donau bei Ottensheim schon einmal fixiert werden.

Damit wurde der Platz auf dem Regattagelände schon eng. Obschon man in den letzten Jahren mit dem neuen Ruderleistungszentrum einige Bootshallen errichtet hatte und zusätzlich eine große Freifläche zur Verfügung steht. Allerdings war auch ein Teil dieser Fläche den Tribünen geopfert worden, denn zu einer Weltmeisterschaft erwartete man so viel Publikum, dass die Tribünen des letzten Weltcups noch einmal verdoppelt und zusätzlich eine weitere auf der anderen Seite der Regattabahn im Zielbereich errichtet wurde. Pfiffige Lösung: Zur gegenüberliegenden Seite wurde in die Öffnung zur Donau einfach quer ein großes Schiff gezogen, über das die Brücke verlief.

Mehr als 400 Volunteers bot das Organisationskomitee auf, um den Gästen, aktiv oder passiv, eine tolle Veranstaltung zu präsentieren, im Catering für Athleten und Zuschauer lief unter der Leitung von 18 Köchen eine Hundertschaft an Personal auf. Zusätzlich organisierte Ottensheim, in dem ja der Kurs eigentlich beheimatet ist, zusätzliche Veranstaltungen rund um die WM, sodass der kleine Ort aus allen Nähten platzte. Auch die Verkehrsführung, im Vorfeld heiß diskutiert, war extra verändert worden, um die An- und Abreise möglichst reibungslos zu gestalten: Das klappte nur bedingt, denn an der Einfahrt nach Linz, an der einzigen Brücke der Umgebung, bildeten sich im Berufsverkehr lange Schlangen – trotzdem waren alle pünktlich zu ihren Rennen vor Ort.

Für die Sportlerinnen und Sportler wurde in den nichtolympischen Bootsklassen eine Novität probiert: Bei einigen Zwischenentscheidungen und in den Finals am Freitag gab es tatsächlich Ton am Start. Nicht nur vom Starter beim Aufruf der Rennen, sondern die Atmosphäre der Tribüne. Mit Mikrofonen und Übertragungstechnik wurde die Vorstellung der Boote durch die Moderatoren Peter O’Hanlon und Steffi Borzacchini inklusive Applaus der Fans zu den Startplätzen befördert. Zuerst ein bisschen ungewohnt, aber einige winkten tatsächlich zurück. Eine neue Form der Interaktion, die deswegen gelang, weil das Fernsehen alle Bilder der Veranstaltung übertrug und diese auch auf die großen Leinwände übertragen wurden. Dermaßen beflügelt konnte es losgehen mit den Entscheidungen der WM, ob olympisch oder nicht.

Para-Rudern: Auf Eine war Verlass

Die deutschen Ruderer auf dem Weg zu den Paralympics hatten mit Sylvia Pille-Steppat die Erste, die das Ticket löste – Platz 1 bis 7 sollte es sein, als Fünfte im A-Finale war damit für die PR1-Ruderin alles klar. Für Johannes Schmidt lief es nicht so glatt; er war nach dem jeweils dritten Platz in Vor- und Hoffnungslauf im C/D-Halbfinale unterwegs, das er – ebenso wie das anschließende C-Finale – gewinnen konnte. Tokio muss allerdings noch warten, so auch für Amalia Sedlmayer und Marcus Klemp im
Mixed-Zweier, die denkbar knapp mit dem 3. Rang im B-Finale nur eine Position hinter den Qualifikationsplätzen ankamen. Dem gemischten Vierer erging es genauso mit Platz 4 im Finale B, der Männer-Zweier musste nach dem Vorrennen abmelden.

Frauen Riemen: Die Früchte hängen hoch

Die Riemenboote der deutschen Damen waren von den Vorrennen her eher durchwachsen. Der Vierer und der Achter mussten nach den jeweils hinteren Rängen in den Vorläufen zunächst in den Hoffnungsläufen Platz nehmen. Einzig der Zweier mit Anna Schanze und Tabea Schendekehl konnte sich mit Platz 3 für das Viertelfinale qualifizieren, scheiterte aber dort und musste in die Runde der unteren 12 gehen. Letztlich war hier im C-Finale der dritte Platz drin. Der Vierer kam über den Hoffnungslauf ebenfalls nur im C-Finale an, dort belegte er Rang 4, ebenso die Achter-Damen im Finale B.

Olympische Rollsitze gab es in dieser Gattung also für Deutschland in Linz nicht. Trainer Tom Morris hatte schon im Vorfeld den langsamen Aufbau im Riemenbereich der Frauen beschrieben, insofern gibt es auf kurze Sicht nun den Blick nach Luzern 2020, wo im kommenden Jahr die weiteren Startplätze für Tokio vergeben
werden. Dafür muss man sich über den Winter noch verbessern, ansonsten bleibt das langfristige Ziel: das Wiedererstarken im nächsten Olympiazyklus bis 2024 zu den Spielen in Paris.

Frauen Skull: Der Winter wird es zeigen

Annekatrin Thiele wurde in ihrem Vorlauf Zweite hinter der Tschechin Topinkova Knapkova und zog damit direkt in die Viertelfinals ein. Dort hatte sie allerdings mit den Damen aus Neuseeland (Emma Twigg, spätere Vizeweltmeisterin), der Schweiz (Jeannine Gmelin, Weltmeisterin 2017) und der Niederländerin Youssifou drei starke Gegnerinnen zu bezwingen. Thiele landete als Vierte des Rennens im Halbfinale und später im Finale C, sie beendete die WM als Siegerin dort mit dem Gesamtplatz 13. Beim Doppelzweier Menzel/Greiten lief es ähnlich, durch den Hoffnungslauf ging es ins C-Finale und dort auf Platz 3. Der Doppelvierer indessen ließ mit dem 3. Platz in der Bahnverteilung Hoffnung aufkommen. Im Finale allerdings kam die Truppe um Schlagfrau Frieda Hämmerling nicht auf Touren. Bereits zur Streckenhälfte wurde der Rückstand auf die Niederländerinnen immer größer. So reichte es nur zum undankbaren vierten Platz, allerdings damit eben auch zur Reise nach Tokio.

Sowohl für Thiele als auch den Doppelzweier heißt es nun, gut über den Winter zu kommen und einen der beiden Qualifikationsplätze in Luzern zu erwischen, die dann auch zum olympischen Reigen ermächtigen. Nach den zuletzt gezeigten Leistungen im Weltcup ist es sicherlich ein wenig enttäuschend, dass der Doppelvierer sich nicht auf dem Siegerpodest wiedergefunden hat. Allerdings bleibt hier die Freude über die olympische Qualifikation.

Leichtgewichte: eine gute Bilanz

Gut drauf waren sie, die „deutschen Leichten“ von Linz. Im Vorrennen zeigte der Damen-Doppelvierer mit dem vierten Platz noch nicht alles, im Finale ging dann die sprichwörtliche Post ab. In einem von Start bis Ziel wahnsinnigen Kampf mit den USA behielt das Boot mit Schlagfrau Fini Sturm, Vera Spanke, Leonie Pieper und Leonie Pless den Bugball teilweise immer nur eine Handbreit vorn und es reichte zu Bronze hinter Italien und China. Das Duo Thoma/Krause im Doppelzweier musste mit dem 4. Platz im C-Finale vorliebnehmen. Dafür konnte sich der Männer-Doppelzweier mit Jonathan Rommelmann und Jason Osborne über Bronze freuen. Mehr war diesmal für die Schützlinge von Robert Sens nicht drin, denn die Iren McCarthy und O’Donovan legten schier unfassbare erste 1.000 Meter hin und auch die Italiener blieben auf den letzten Metern vor den Deutschen. Lucas Schäfer im Einer wurde Zweiter im Finale C.

Den großen Wurf landete die aus dem Doppelzweier ausquartierte Marie-Louise Dräger, die bereits ihren Vorlauf deutlich gewinnen konnte. „Wenn Marie so gut drauf ist, kann sie auch Weltmeisterin werden“, prognostizierte dazu ihr erster und nun wieder neuer Trainer Björn Lötsch. Und richtig: Schon im Halbfinale siegte Dräger erneut, im Finale fuhr sie mit schnellen letzten 500 Metern ungefährdet zum Sieg. Für ihre Reise nach Linz hatte sie eigens ein Fundraising veranstaltet, denn die 6.500 € für Athletin und Trainer wurden nicht übernommen, weil der Einer keine olympische Bootsklasse ist – und da heißt es: Sponsorensuche. Hinterher war es das alles wert und bei der Siegerehrung gab es einen Luftsprung, dass das Podest gewackelt haben muss.

Im Leichtgewichts-Bereich wurden also schon einmal drei Medaillen „verhaftet“ und eine Qualifikation für Olympia erworben. Eine gute Bilanz, wobei der Frauen-Doppelzweier nun in den Fokus rücken wird. Denn im letzten Jahr, in dem diese Bootsklasse noch olympisch ist, will man diese als eine der führenden Rudernationen nicht auslassen. Nach den Umbesetzungen dieser Saison bleibt die spannende Frage, welche beiden Damen im kommenden Jahr zur Nachqualifikation antreten dürfen.

Männer Riemen: Licht und Leid

Der Zweier ohne (Schröder/Gebauer) gehörte nicht zu denjenigen, denen harte Arbeit erspart blieb. Nach dem Vorlauf und dem Viertelfinale blieb auch das C/D-Halbfinale, das sie gewinnen konnten. Im C-Finale fuhren die beiden auf Rang 5. Der Vierer kam nach einem zweiten Platz gegen Großbritannien im Vorrennen durch den Sieg im Hoffnungslauf zurück ins Halbfinale. Hier waren aber die Polen (später Weltmeister), USA, Südafrika und Australien schneller. Im B-Finale landeten Felix Brummel & Co. auf dem 4. Platz – auch nur eine Stelle hinter der Qualifikation für Tokio.

Strahlende Helden nach dem Weltcup-Verlust in Rotterdam war der Achter. Johannes Weißenfeld, Laurits Follert, Christopher Reinhardt, Torben Johannesen, Jakob Schneider, Malte Jakschik, Richard Schmidt, Schlagmann Hannes Ocik und Steuermann Martin Sauer ließen sich diesmal nicht ins Bockshorn jagen, auch wenn es gegen einen überraschend starken Achter aus den Niederlanden hinten hinaus noch sehr eng wurde. Die Holländer fuhren über die drei hinteren Streckenviertel immer wieder auf Bugballhöhe mit, letztlich aber ging Gold an den Deutschland-Achter. Trainer Uwe Bender war schon lange vor dem Rennen in der Nähe des Zielturms gesichtet worden, wo er herumtigerte und der Entscheidung entgegensah – als die Entscheidung fiel, war auch seine Freude riesengroß.

Im Riemenbereich der Männer ist also auch noch Bedarf zur weiteren Qualifikation. Besonders enttäuschend und enttäuscht war der Vierer mit Felix Brummel, Felix Wimberger, Max Planer und Nico Merget. Im Halbfinale Platz fünf, im B-Finale Opfer des Windes. Es lief nicht nach Plan für die Mannen von Trainer Tim Schönberg. Gut, dass es eine Nachqualifikation gibt

Männer Skull: Voll im Soll

Zweiter im Vorlauf, Zweiter im Halbfinale, aber irgendwie kamen die Jungs im Doppelvierer nicht ins Finale hinein. Karl Schulze, Timo Piontek, Max Appel und Hans Gruhne waren nach 500 Metern, die sie noch in vierter Position erleben konnten, einen weiteren Platz hinten. Und sie kamen nicht mehr heran an die Australier und die Medaillenplätze (Niederlande Gold, Polen Silber, Italien Bronze). Das Boot ist nach dem Comeback von Rotterdam ohne Medaille heimgekehrt, aber zu den Olympischen Spielen ist es mit der Teilnahme am A-Finale unterwegs. Ein bisschen anders erging es da Stephan Krüger und Tim Ole Naske im Doppelzweier: Sie starteten im Vorlauf und Viertelfinale mit den Plätzen 2 und 3, rutschten dann im Halbfinale mit der Position 5 ins Finale B. Dort aber haben sie zumindest mit dem 5. Rang Olympia gesichert.

Und damit ist Disziplintrainer Marcus Schwarzrock mit seinen Männern derjenige, der olympisch voll abgeliefert hat. Denn der vielbeschworene Shooting-Star Oliver Zeidler ruderte in Linz ein Traumergebnis ein: Viermal stand die große „1“ auf der Anzeigetafel. Nach einem souveränen Vorlaufsieg (11 Sekunden vorne), einem knapperen Viertelfinalsieg gegen den Litauer Griskonas und einem Ein-Sekunden-Vorsprung im Halbfinale gegen Sverri Nielsen aus Dänemark, war das Finale ein Krimi. Zeidler fuhr bärenstark los, wurde aber flugs eingefangen. Griskonas, Nielsen und der Norweger Kjetil Borch machten ihm das Leben schwer, zwischenzeitlich war er auf Position vier unterwegs. Doch auf den letzten Metern besann sich Zeidler seiner Kräfte und legte noch einen Endspurt hin, der ihn mit drei Zehntelsekunden vor die Konkurrenz brachte. Damit hat er eindeutig die beste Bilanz: Vier Siege, einmal Gold – besser geht’s nicht.

Disziplintrainer Marcus Schwarzrock kann somit aufatmen, denn alle seine Schützlinge sind olympisch – wie auch immer sie im nächsten Jahr heißen mögen. Denn für Tokio qualifiziert sich der Rollsitz und nicht die Person. Doch Oliver Zeidler hat nun die Favoritenrolle inne. Es wurde immer viel geschrieben und geredet über den Mann, der vom Schwimmen kam und jetzt, binnen weniger Jahre, das erreicht hat, von dem alle träumen. Und er hat es allen Kritikern gezeigt – nun sitzt er erst einmal hoch und trocken, aber der Druck ist da.

Fazit

Linz lässt Höhen und Tiefen erkennen –wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Es ist derzeit nicht immer leicht für unsere, teilweise im Vergleich mit der Konkurrenz sehr jungen Athleten, Schritt zu halten. Aber gerade das kann ja auch ein Lichtblick sein: Langfristig treten bei den anderen Nationen auch welche ab, die nun gerade vorne sind, und das öffnet Türen. Auch der Blick in den Medaillenspiegel lohnt sich wieder einmal. Sechs deutsche Medaillen sind gut, denn es sind drei goldene herausgekommen – damit Platz 4. Bereinigt nach der Anzahl muss man Italien und den Niederlanden (jeweils 10) und Australien (8) den Vorrang lassen.

Die Breite im Rudern wächst – auch wenn Vanuatu und Kiribati eher im Finale H stattfinden, haben sich die Medaillen auf 22 Nationen verteilt, die goldenen auf 14 verschiedene Länder. Daher lautet die Devise jetzt: Aufpassen! Denn bei der Nachqualifikationsregatta 2020 in der Schweiz gibt es pro Bootsklasse lediglich zwei Plätze, die noch olympisch zu besetzen sind. Und da wird das Meldefeld sicher großzügig ausfallen. Vorerst aber freuen wir uns mit den Medaillengewinnern von Linz und sagen Danke für richtig gute 10 Tage in Österreich.          

     

Michael Hein

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