Vereine & Verbände

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Probleme mit PotAS

Der Leistungssport soll nach Willen des Bundesinnenministeriums (BMI) neu strukturiert werden. Das sportliche Potenzial soll entscheiden, welcher Sportverband wie viel Geld bekommt. Das Verfahren soll objektiv sein, aber es ist auch kompliziert und nicht frei von Widrigkeiten.

Ausgangspunkt ist der Wunsch des Innenministeriums, bei olympischen Spielen und anderen internationalen Wettkämpfen mehr Medaillen gewinnen zu wollen. Wo Potenzial ist, soll Geld fließen, im Umkehrschluss soll da gespart werden, wo das Medaillenpotenzial geringer ist. Um nun herauszufinden, wie groß die Erfolgsaussichten der verschiedenen Sportarten sind, wurde vom BMI das Potenzialanalysesystem, kurz PotAS genannt, geschaffen und eine Kommission beauftragt, diese bis nach den Spielen in Tokio 2020 durchzuführen.

„Die PotAS-Kommission analysiert die disziplinbezogenen Potenziale der Olympischen Spitzenverbände anhand von transparenten, sportwissenschaftlichen und sportfachlichen Leistungskriterien. Sie liefert damit eine objektive und unabhängige Entscheidungsgrundlage für die nachfolgenden Schritte des Förderverfahrens“, wird die Aufgabenstellung der Kommission auf der offiziellen Website (www.potas.de) beschrieben.

Ende 2019 wurde ein Zwischenstand der PotAS-Analyse veröffentlicht – Rudern befand sich unter den olympischen Sommersportarten auf dem letzten Platz weit hinter dem „Tabellenführer“ Badminton. Es erfolgte ein Aufschrei und eine große Diskussion: Wie kann es angehen, dass eine Sportart wie Badminton, in der noch nie eine olympische Medaille in Reichweite war, die erfolgreichste Rudernation aller Zeiten im Medaillen-Potential weit überholt? Ist das ein fairer, ein ordentlicher Bericht? Wurde da nicht etwas übersehen?

Die Erklärung: Der Bericht ist, was er ist, ein Zwischenbericht. Er stellt vorerst lediglich die Analyse der Verbandsstrukturen dar. Erst im Herbst folgt der endgültige Bericht, der neben den Verbandsstrukturen auch die Erfolgs- und Potenzialattribute bewertet und deshalb mit Sicherheit zu anderen Ergebnissen führen wird.

Bedeutet dies, dass der DRV schlecht strukturiert ist? Aus Sicht der PotAS-Vorgaben mag dies zutreffen. Aber: Den Verbänden war es freigestellt, ob sie ihre Angaben zu den eigenen Strukturen disziplinspezifisch oder disziplinübergreifend in das Online Management System eingaben. „In vielen Fällen haben sich die Verbände dazu entschieden, ihre Eingaben auf Verbands- und nicht auf Disziplinebene vorzunehmen“, erklärt Urs Granacher, Vorsitzender der PotAS-Kommission. „Wir haben im Anhörungsverfahren darauf hingewiesen, dass beide Optionen möglich sind, aber die disziplinspezifische Eingabe eine differenzierte Analyse zulässt. In ganz vielen Fällen wurde die disziplinübergreifende Eingabe zu den Strukturattributen präferiert. Dies deutet auf einen hohen Zentralisierungsgrad struktureller Rahmenbedingungen in den Verbänden hin. Mit anderen Worten, es scheint so, als ob es „eine“ Verbandsstruktur gibt, die auf alle Disziplinen Anwendung findet. Zugegebenermaßen können wir auch nicht gänzlich ausschließen, dass die disziplinübergreifende Eingabe vieler Verbände aus Gründen der Arbeitserleichterung bei der PotAS-Dateneingabe gemacht wurde. Das gilt es in den kommenden Monaten in den Gesprächen mit den Verbänden zu klären.“

Der DRV hat sich ebenfalls für die disziplinübergreifende Eingabe entschieden und so werden nun alle Ruderer oder Leichtathleten unabhängig von ihrer Disziplin über einen Kamm geschoren, nur dass Rudern dabei deutlich schlechter abschneidet.

Ist dies ein Grund für Diskussion? Ja, und zwar verbandsintern. Schließlich wird es einen finalen PotAS-Bericht nach den Olympischen Spielen von Tokio geben, der neben den Strukturattributen auch die Erfolgs- und Potenzialattribute enthält. Die Ergebnisse zu den Strukturattributen beschäftigen den DRV bereits jetzt intensiv, wie man am Mitgliederdialog im Januar in Hannover sehen konnte. Granacher dazu: „Ich finde den konstruktiv-kritischen Umgang des DRV mit den PotAS-Strukturergebnissen lobenswert. Eigens eine Mitgliederversammlung einzuberufen zeigt doch, dass die Ergebnisse nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Im Gegenteil, die Verbandsverantwortlichen sind bemüht, konstruktiv mit den Ergebnissen umzugehen und bisherige Strukturen kritisch zu hinterfragen“, so der Professor für Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Universität Potsdam, der vor allem auch die besonders guten Leistungen des DRV im Punkt Wissenschaftsmanagement hervorhebt; hier ist unser Sport eben auch sehr weit vorne.

Strukturveränderungen müssen nun her, das hat auch die Diskussionsrunde im Verband ergeben. Man kann nicht gleich die ganze demokratisch legitimierte Führung auf links ziehen, das weiß auch die PotAS-Kommission. Jedoch ist ein Überdenken der Konzepte und Personalstrukturen wichtig und richtig. Schließlich wurde hier einmal von dritter Seite die Situation unseres Verbands im Vergleich zu anderen gespiegelt. Beim nächsten Ausfüllen der PotAS-Fragebögen wird auch auf kleine und größere Unterschiede zwischen den Disziplinen eingegangen. Wenn dann die sportlichen Ergebnisse noch dazu fließen, wird sich sicherlich in der Tabelle ein freundlicheres Bild ergeben.  

M. Hein, Th. Kosinski

 

 

Urs Granacher Vorsitzender der PotAS-Kommission: „Es ist nicht alles schlecht“

 

Herr Granacher, Grundlage des kompletten Berichts ist immer auch der Erfolg der Sportarten. Ist der vorliegende Bericht für die Sommersportarten nicht zu früh erschienen?

 

Nein, bei dem im November veröffentlichten PotAS-Bericht handelt es sich um eine vorläufige Berichtsversion. Um der Transparenz des Gesamtverfahrens gerecht zu werden, war es uns wichtig, auch den vorläufigen PotAS-Bericht zu veröffentlichen, auch wenn in diesem nur die Strukturattribute final bewertet wurden. Die Vorläufigkeit dieser Ergebnisse wurde allen Akteuren vielfach kommuniziert. Dadurch sollte vorgebeugt werden, dass es zu Fehlinterpretationen des vorläufigen PotAS-Berichtes kommt. Der Hauptgrund für die zweigeteilte Veröffentlichung des PotAS-
Berichts ist, dass die aktuell laufenden Strukturgespräche – anders als im Wintersport – bereits vor den Olympischen Spielen stattfinden. Nach den Olympischen Spielen
wären die Strukturgespräche terminlich nicht mehr unter­zubringen gewesen, da die Finanzwirksamkeit für den neuen Zyklus bereits zum 1. Januar 2021 erzielt wird. Die Zweiteilung wurde insbesondere auf Wunsch der Verbände vorgenommen, da diese in der ersten Hälfte 2020 verständlicherweise nicht mehr mit PotAS-Aufgaben beansprucht werden wollten, um sich voll auf die Olympischen Spiele in Tokio konzentrieren zu können. Durch die Zweiteilung des Verfahrens war es möglich, wertvolle Informationen aus der PotAS-Evaluation zu den strukturellen Rahmenbedingungen der Verbände in die Struktur­gespräche hineinzubringen, in die zum ersten Mal ein Mitglied der PotAS-Kommission direkt eingebunden ist, um einen intensiven Austausch zu gewährleisten.

 

Wird in diesem Bericht durch die daraus entstehende Verzerrung der Potentiale eine falsche Perspektive erzeugt?

Ich denke, dass man von einer Verzerrung der Ergebnisse nicht sprechen kann, denn die Ergebnisse des vorläufigen PotAS-Berichts sollten hier auch nur in Bezug auf die strukturellen Rahmenbedingungen der Verbände interpretiert werden. Aus den bereits laufenden Strukturgesprächen wurde uns rückgemeldet, dass der vorläufige Bericht wertvolle Informationen zum Status Quo der Verbandsstrukturen liefert und Stärken, aber auch Schwächen aufzeigt.

 

Welche Mängel hat der DRV aus Ihrer Sicht in seiner jetzigen Verbandsstruktur, sodass es zu so niedrigen Punktzahlen kommen konnte?

Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass wir im vorläufigen PotAS-Bericht lediglich die Strukturattribute 7-13 final bewertet haben. Hier muss man sich die Ergebnisse des DRV differenziert im Sinne eines Stärken-Schwächenprofils ansehen. Dabei ist zu konstatieren, dass im Vergleich zu den anderen Verbänden eine geringe Erfüllungsquote in den Hauptattributen 5 (Nachwuchsförderung), 8 (Führungsstruktur) und 10 (Gesundheitsmanagement) vorliegt. Demgegenüber hat der DRV aber auch sehr gut im Bereich Wissenschafts­management (Hauptattribut 13) abgeschnitten. Man sollte also eine differenzierte Analyse vornehmen und die Schwächen konstruktiv diskutieren, aber auch die Stärken als Motivation für die zukünftige strukturelle Weiterentwicklung des Verbandes heranziehen. Kurzum, es ist nicht alles schlecht im DRV.

 

Die Junioren des DRV haben 2019 auf Europa- und Weltmeister­schaften in je 14 Bootsklassen 13 (EM) und 12 (WM) Medaillen gewonnen.
Weshalb wurde die Nachwuchsförderung so schlecht bewertet?

Zunächst freue ich mich über die internationalen Erfolge des DRV im Nachwuchsleistungssport sehr und wir wollen diese auch nicht kleinreden. Die in Teilen sehr gute Nachwuchsarbeit sehe ich auch direkt vor meiner Haustür am Olympiastützpunkt Brandenburg in Potsdam. Im Zuge des Mitgliederdialogs wurde eine stärkere Steuerung im Nachwuchsleistungssport durch den DRV gewünscht, z. B. durch die Erstellung von zentralen Talentsichtungskonzepten und die Erarbeitung von Talentkriterien. Schließlich möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass die sportlichen Erfolge, d. h. olympische und vorolympische Erfolge im vorläufigen PotAS-Bericht noch unberücksichtigt blieben und erst nach den Olympischen Spielen in die Rangreihenfolge hinein gerechnet werden. Sollte der DRV in Tokio erfolgreich sein –und es gibt durchaus berechtigte Medaillenhoffnung- kann sich die Rangreihenfolge der PotAS-Gesamtbewertung noch einmal zu Gunsten des DRV verändern.

 

Was muss der DRV aus Ihrer Sicht unternehmen, um im Sinn der PotAS-Kriterien eine bessere Bewertung bei der Struktur zu erhalten?

Der DRV sollte die Ergebnisse aus den bereits bewerteten Attributen als Anregung heranziehen und sich selbstkritisch mit den vorhandenen Strukturen auseinandersetzen. Das ist, im Rahmen des Mitgliederdialogs im Januar diesen Jahres bereits geschehen, insofern wurden die Zeichen erkannt und die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Für mich sieht es so aus, als ob der Verband nach intensiven Gesprächen zu dem Schluss gekommen ist, dass die Verbandsstrukturen an der ein oder anderen Stelle nachjustiert werden müssen. Wenn wir hierzu einen Anstoß geben konnten, dann hat PotAS im positiven Sinne gewirkt. Das ist doch ein schönes Ergebnis.

 

Sie beschreiben eine notwendige Veränderung der Umfrage bezüglich der einzelnen Disziplinen der Sportarten. Wäre es nicht sinnvoller, die Verbände zu mehr Details aufzufordern, um ein besseres Bild zu erhalten? Riemen Frauen und Skull Männer sind völlig verschiedene „Ruderwelten“, wie sich im Schwimmen 50 Meter Sprint und Wasserball nicht vergleichen lassen.

Nun, wenn Sie sich die Eingaben des Verbandes im vorläufigen PotAS-Bericht für die finalen Struktur-, aber auch die vorläufigen Leistungsentwicklungs- und Potenzialattribute anschauen, werden Sie feststellen, dass der Verband die Eingaben nicht auf Disziplinebene, also Skull, Riemen, Leichtgewicht, vorgenommen hat, sondern disziplinübergreifende Angaben gemacht hat. Die disziplinübergreifenden Angaben bei den Strukturattributen deuten auf einen hohen Zentralisierungsgrad struktureller Rahmenbedingungen im DRV hin.

Das Eckpunktepapier der Leistungssportreform sieht vor, dass die Disziplinen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Im vorliegenden Fall scheint sich der Verband jedoch bewusst dazu entschieden zu haben, disziplinübergreifende Angaben zu machen. Er hätte auch die Option gehabt, disziplinspezifische Eingaben vorzunehmen, das war den Verbänden freigestellt.

Die Frage nach dem Detaillierungsgrad der Abfrage hat die PotAS-Kommission sehr lange beschäftigt. Eine immer höhere Detaillierung der Abfrage führt am Ende zu einem Zielkonflikt bezüglich des Wunschs der PotAS-Kommission und seiner Auftraggeber, den Aufwand für die Verbände so gering wie möglich zu halten. Die Überarbeitung des Systems fand und findet immer unter der Prämisse statt, den Arbeitsaufwand für die Verbände in einem noch akzeptablen Rahmen zu halten. Dabei ist sicherlich allen Beteiligten klar, dass dieser Aufwand in der ersten Evaluationsrunde besonders hoch ist, wenn es darum geht, die Verbandsunterlagen und Konzeptionen zum ersten Mal systematisch aufzubereiten. In den nachfolgenden Evaluationszyklen gilt es, die Qualität der bereits vorhandenen Materialien zu verbessern und zuvorderst die Inhalte auf dem Papier in der gelebten Verbandspraxis umzusetzen.

Das Interview führte Michael Hein


                

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