Rudern & Corona

Aktuelles zum Thema Einschränkungen und Lockerungen im Rudersport aufgrund der Corona-Pandemie.

Die Stunde Null

Keine internationalen Regatten in diesem Jahr, Einstellung aller nationalen Veranstaltungen bis Mitte August, Einschränkungen und Verbote für den Vereinssport. Was bleibt übrig von der Saison 2020 und vom Rudersport für alle?

Beim Deutschen Ruderverband herrschte schon am Gründonnerstag Karfreitagstimmung. In einer Videokonferenz entschied das Präsidium in Abstimmung mit dem Länderrat per Videokonferenz die Aussetzung der Rudersaison 2020 bis Mitte August, sprich die Absage aller Regatten und Veranstaltungen für die nächsten vier Monate. Fast zeitgleich ging die FISA gleich einen Schritt weiter und strich die komplette internationale Wettkampfsaison. Nachdem schon im März schreibchenweise die drei Weltcups, die Olympianachqualifikation und die Junioren-EM abgesetzt waren, wurden nun auch die U23- und Junioren-WM in Bled einschließlich der CR-WM im Oktober in Portugal gestrichen bzw. aufs nächste Jahr verschoben. Ein Olympia-
jahr ohne eine einzige internationale Regatta, das ist in der Tat Neuland und bringt außer sportlichen auch jede Menge wirtschaftliche und finanzielle Probleme mit sich, deren Ausmaß momentan nicht abzuschätzen ist. Dies gilt gleichermaßen für den Vereinssport, der zunächst bis nach Ostern bzw. Ende April aufgrund eines allgemeinen Sportverbots auf Vereinsgeländen auf null gesetzt wurde.

Was bedeuten all diese Maßnahmen und Aussichten konkret für den Rudersport? Die folgende Übersicht und Einschätzung gibt den Stand zu Ostern wieder. Durch neue Verfügungen, Erlasse der Länder und die Diskussionen um Lockerungen kann sich die Lage, insbesondere was die Trainingsbedingungen und den Zugang zu den Ruderhäusern betrifft, geändert haben.

Wettkampf und Leistungssport: Nichts geht mehr

Wie Dominosteine kippten im März die internationalen Veranstaltungen (siehe Seite 20/21) aus dem FISA-Kalender. Nur der Termin für die Olympischen Spiele blieb zunächst unangetastet. Während das japanische NOK und Länder wie Kanada und Australien schon frühzeitig das Olympia-Aus befürworteten, hielten die japanische Regierung und IOC lange und für viele zu lange an der Ausrichtung des Mega-Events fest. Viel stand auf dem Spiel, Olympische Spiele lassen sich nicht einfach verschieben wie eine Regatta und es bedarf dafür klarer Entscheidungsgrundlagen. Die unter Druck vollzogene Verschiebung wurde mit Kosten von über fünf Milliarden Dollar beziffert, der organisatorische Aufwand eines zwölfmonatigen Aufschubs wird immens. Das beginnt bei der Schar der unzähligen Helfer, die es neu zu verpflichten gilt, geht über die Weiternutzung des olympischen Dorfes, dessen Apartments bereits verkauft und vermietet sind und endet in dem Chaos, das die Terminumlegung der Spiele im internationalen Sportkalender auslöst.

Zudem wird nun der nächste olympische Zyklus lediglich drei Jahre betragen, in dem sich neue Mannschaften finden und qualifizieren müssen. Am Ende siegte aber die Vernunft und die Einsicht in die Undurchführbarkeit einer Veranstaltung, bei der Tausende von Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Ob die Spiele dann 2021 tatsächlich stattfinden, ist keineswegs sicher, aber alle verhalten sich so, als ob sie stattfinden werden, um dem internationalen Sport- und Ruderbetrieb überhaupt eine Planungsperspektive geben zu können.

Die Corona-Krise hat die Länder unterschiedlich schwer getroffen: Italien, Spanien, Holland, England sind stärker in Mitleidenschaft gezogen als Neuseeland oder Australien. Doch dies sind Momentaufnahmen. Der olympische Sport ist polyglott, die Auswirkungen der Pandemie auf die afrikanischen und südamerikanischen Länder sind noch nicht absehbar, und erst recht nicht die Dauer der Pandemie.

Während in Deutschland Lockerungen diskutiert und in Sicht sind, hat der Deutsche Ruderverband mit der Aussetzung aller Veranstaltungen bis Mitte August bewusst ein Zeichen gesetzt und allen Vereinen und Regattaverantwortlichen Planungssicherheit gegeben. Die Ruder-Bundesliga (siehe Bericht auf Seite 58) wurde komplett abgesagt und dafür zwei Sprint-Events für Achter für den Herbst angekündigt. Die Botschaft des DRV nach einer Phase des Zögerns war klar und eindeutig: „Es gibt keine ruderischen Ziele für dieses Jahr mehr außer dem Neuaufbau für das kommende Jahr und hoffentlich einigen regionalen Landesmeisterschaften im Herbst“, fasst DRV-Vorsitzender Siegfried Kaidel die Maßnahmen zusammen. Der DRV, so steht es auch in der Erklärung vom 9. April, will einen „Grundstein für ein zielgerichtetes Wiederanfahren der Vereinsaktivitäten“ bieten: Keine Ruderveranstaltungen bis August, für danach gibt es immerhin ein offenes Türchen.

Der Versuch, das Jahr 2020 auf 2021 zu verpflanzen, hat aber nicht nur eine organisatorische Dimension. Vor allem für die Wettkampfsportler ist der Lockdown ein herber Einschnitt in ihr tägliches Leben und ihre Karriereplanung. Vier Jahre lang haben sich die Athleten akribisch vorbereitet, ihr Training und ihre Formkurve so ausgerichtet, das sie jetzt kurz vor dem Höhepunkt Olympia standen. Letzte Trainingslager waren gebucht, Flüge und Hotelzimmer ausgesucht, die Zimmer im olympischen Dorf bestellt. Und dann: Aus der Ofen, keine Spiele.

Noch nie wurden Olympische Spiele außerhalb des Olympiaden-Zyklus durchgeführt. Für die Sportler eine deprimierende Situation, die mit Enttäuschungen einhergeht (siehe Stimmen zur Olympiaverschiebung). Amateursportler wie Ruderer planen ihre Aktivitäten um den Sport herum. Ob Universitätslaufbahn, berufliche Freistellung, geplantes Karriere-Ende oder andere wichtige Vorgänge – alles muss jetzt um ein Jahr verschoben werden. Das wird nicht bei jedem möglich sein. Ältere Topathleten wie Karl Schulze oder Hans Gruhne werden überlegen müssen, ob sie noch ein ganzes Jahr dranhängen können oder wollen.

Auf Trainer und Funktionäre kommt eine Herkulesaufgabe zu, für die es keine Blaupause gibt. Wie zum Beispiel sollen Sportler nominiert werden, wenn Regatten dafür nicht mehr stattfinden? Wie sollen die Athleten sportlich und mental wieder eingefangen werden? Trainer und Funktionäre müssen sich neue Konzepte ausdenken, und das wird nicht immer zur Zufriedenheit aller Beteiligten ausfallen. So wird man zum Beispiel entscheiden müssen, ob die Bootsbesatzungen für 2021 weiterhin Bestand haben (siehe Interview mit Ralf Holtmeyer) oder eine Neuqualifikation Anfang kommenden Jahres, dann bei einer Ergometer- und Kleinbootmeisterschaft, möglich und nötig sein wird.
Das Wettkampf-Aus setzt sich fort bis auf die unterste Ebene und betrifft auch das Jugend- und Kinderrudern, denn selbst im Juniorenbereich fehlen nun die Regatten. Noch hoffen alle Beteiligten auf den September. Dort prangt als letzte nicht abgesagte Veranstaltung die Sprintmeisterschaft (10./11. Oktober) in Werder, die in solch einem Fall sicherlich über drei Tage gehen wird.

Das Gerangel um Verschiebungen und Ersatzveranstaltungen im Herbst ist groß und schon in vollem Gange, zumal es ja in dieser Zeit bereits etablierte Veranstaltungen gibt, die dann kollidieren. „Es macht wenig Sinn, jetzt auf den Herbst umzuplanen“, warnt DRV-Generalsekretär Jens Hundertmark, „denn es gibt im September eine Reihe von etablierten und gut funktionierenden Landesmeisterschaften, Masters-Veranstaltungen und Langstreckenregatten, die man durch Terminüberschneidungen nicht schwächen sollte. Wenn man den Wettkampfbetrieb wieder ins Laufen bringen will, dann geht das auf regionaler Ebene sicherlich besser als bundesweit.“ Der Bundeswettbewerb der Deutschen Ruderjugend Mitte September ist allerdings abgesagt, da zuvor ja keine Jugendveranstaltungen ausgetragen werden. 

International sind die Europameisterschaften in Poznan offiziell immer noch „postponed“, also verschoben. Ein neuer Termin für den Herbst, wahrscheinlich im September oder Oktober, wird gesucht und demnächst von der FISA bekanntgegeben. Der Ausrichter ist in der Diskussion mit den Verantwortlichen in Lausanne. Auch die U23-EM Anfang September in Duisburg ist weiterhin geplant. Die Vorabbesuche an der Wedau sind aufgrund der Reiselage abgesagt, doch die Gespräche laufen. Ein mögliches Szenario betrifft eine Verschiebung auf einen späteren Termin. Die Hotels in Duisburg werden von Wedau Rowing gebeten, die Stornierungsfrist aufzuschieben, da den Nationen bis Mitte oder Ende Mai die Möglichkeit gegeben werden soll, die Meldungen vorzunehmen. Eine entsprechende Meldung an die Nationalverbände wurde bereits verschickt.
Ähnliches gilt für die Junioren-EM, die bereits im Mai in Belgrad stattfinden sollte. Auch in diesem Fall spricht die FISA auf der Webseite von einer „möglichen Suche“ nach einem neuen Termin. Dieser soll ebenfalls in den Monaten September oder Oktober liegen.

Bled als Ausrichter der Mega-WM im August dagegen muss den bisherigen Aufwand einstampfen und für 2021 neu starten. Das, was zuvor Jahre gebraucht hat, muss nun in wenigen Monaten passieren. Oeiras in Portugal hat sich bereit erklärt, als Ausrichter der für diesen Oktober geplanten Coastal-WM auch 2021 zur Verfügung zu stehen.

International kommt das Getriebe also schon wieder auf Touren, doch der September hat nur vier Wochenenden, um die es jetzt ein Hauen und Stechen gibt – international, aber auch national.
Inwieweit Wettbewerbe vor Publikum ausgetragen werden, ist offen. Immerhin eignet sich Rudern recht gut als sogenannte „Corona-Sportart“ – wenn man von den Besatzungen der Mittel- und Großboote einmal absieht, die zu nah beieinandersitzen. Der Bahnabstand mit 12,50 m ist weit genug, auch mit den Starthelfern besteht kein unmittelbarer Kontakt und am Steg sowie am Sattelplatz kann man entsprechend aufpassen und Sicherheitsabstände einhalten. Separate An- und Ablegestege sind zum Beispiel Standard bei allen großen Meisterschaftsregatten national und international. Die Schiedsrichter können in gebührendem Abstand hinter den Rennen herfahren oder auch gar nicht, weil in den Zieltürmen der Welt längst die Zielkamera Einzug gehalten hat. Zur Regattaorganisation muss theoretisch nur noch eine Rumpfmannschaft vor Ort sein – die Zielrichter können auch anhand des Films entscheiden. Mit ein bisschen Umdenken kann der Regattabetrieb früher gestartet werden als in den Kontaktsportarten.

Rudern könnte grundsätzlich vor leeren Rängen ausgetragen werden. Eine Übertragung der Rennen in den Kanälen bei Youtube bzw. national bei Sportdeutschland.tv ist für Meisterschaften in Deutschland und für die relevanten großen Events der FISA auf eigenen Kanälen bereits Standard. Für die nicht im Fernsehen übertragenen Events liegt es beim Veranstalter; sowohl Poznan als auch Duis-
burg verfügen aber über eigene Bahnkameras und Teams, die für die lokale Videowand und den Internetstream Bilder in guter Qualität abliefern können. Daher ist es möglich, „Geisterveranstaltungen“ auszurichten, wenn die Beschränkungen nicht entsprechend gelockert werden sollten. Die Fans daheim können mit allen relevanten Informationen versorgt werden. Doch alles, was möglich ist, muss nicht unbedingt sinnvoll sein. Die heftig geführte Diskussion über Geisterspiele im Fußball muss nicht zwingend auf Rudern übertragen werden.

Wanderrudern – nicht mit dem DRV

Lange hat Rainer Engelmann, DRV-Ressortleiter für Wanderrudern, gezögert, sich der Generalabsage bis Mitte August anzuschließen, weiß er doch, das bis dahin nicht nur ein Großteil der DRV-Wanderfahrten stattfindet, sondern auch die vielen Vereinswanderfahrten. Die jährliche Wanderruderstatistik weist es aus: mehr als 12,7 Millionen Wanderruderkilometer wurden 2018 gerudert, eine gigantische Zahl, die zeigt, wie beliebt und umfangreich diese Ruderdisziplin besonders in Deutschland ist. Zahlenmäßig ist dagegen der Leistungssport eine kleine Nummer. „Wir fahren auf Sicht“, frohlockte Engelmann, Mitglied des Kölner Rudervereins, noch Ende März, heißt, wir entscheiden je nach Lage.
Wanderruderer sind in der Regel keine jungen Leute. Die stärkste Altersgruppe liegt laut einer Erhebung von Stefan Mühl von der Sporthochschule Köln um die 60 Jahre und darüber. Wanderruderer gehören damit zu den Risikogruppen, wenn auch die meisten dies weit von sich weisen würden. Besondere Vorsicht ist allerdings geboten und da sich der Sicherheitsabstand von 1,5 – 2,0 m in gesteuerten Doppelvierern nicht wirklich einhalten lässt, hat sich das DRV-Präsidium letztlich einstimmig dafür ausgesprochen, sämtliche DRV-Wanderruderfahrten bis Mitte August abzusagen. „Allen Mitgliedsvereinen wird empfohlen“, heißt es in der Mitteilung vom April, „sich dieser Entscheidung anzuschließen und ebenfalls Veranstaltungen bis Mitte August auszusetzen.“

Vereins- und Gemeinschaftswanderfahrten sind damit also nicht abgeblasen, wohl aber müssen die Organisatoren die Entscheidung, eine Wanderfahrt durchzuführen oder nicht, anhand der jeweiligen Verfügungen der zuständigen Behörden und Länder prüfen und an der eigenen Verantwortung gegenüber den Teilnehmern. Wenn die Einreisebestimmungen es nicht zulassen oder die Länderverfügungen keine größeren Personengruppen erlauben, dann kann es keine Wanderfahrt geben. Es sind aber nicht nur die Vorschriften, die eine Schranke bilden, sondern auch die gesellschaftliche Verantwortung. „Auch wir Rudersportler“, formuliert es DRV-Vorsitzender Siegfried Kaidel, „sollten unseren Beitrag dazu leisten, die Krise so schnell wie möglich zu überwinden, um dann auch wieder neu starten zu können.“

Vereinssport – zu Hause auf dem Ergo

Wohl dem, der ein Ergometer im Hause hat oder eines von den wenigen aus dem vereinseigenen Kraftraum ergattern konnte. Denn viel mehr als Sport von und zu Hause ging bis Ende April nicht. Trotz regionaler Unterschiede hatten die Bundesländer bzw. die zuständigen Sportbehörden ein faktisches Vereinssportverbot erlassen. Im Zuge einer ersten umfassenden Reaktion auf die Corona-Krise war dies sicherlich die richtige Entscheidung, zumal sich der Sport als Freizeitaktivität in seiner Bedeutung im Vergleich zu den systemrelevanten Bereichen und der Wirtschaft dahinter anstellen muss. Doch Sport, und insbesondere auch Rudern, haben auch einen hohen gesundheitlichen Wert und es macht keinen Sinn, Kontakt- und Ausgehverbote zu erlassen, um sich vor einem Virus zu schützen, aber damit eine Zunahme der Herzkreislauf- und Gewichtserkrankungen zu riskieren und den allgemeinen Bewegungsmangel auch noch zu fördern.

Wenn Sport eine gesellschaftliche Bedeutung für die Gesundheit hat, dann gilt diese auch jetzt. So wichtig der große Hammer am Anfang war, so bedeutsam schließt sich nun die sog. „Tanzphase“ an, in der Maßnahmen austariert, Ungereimtheiten abgebaut und der allgemeine Zugang zum Sport erleichtert wird. Ein negatives Beispiel für fragwürdige Anweisungen kam aus Hamburg. Dort stellte Sportsenator Andy Grote klar, dass jeder zwar rudern dürfe, allerdings nur, „solange man dabei kein gesperrtes Vereinsgelände nutzt.“ Absurd auch, dass man trotz großem Publikumsverkehr zum Beispiel an den Ufern des Baldeneysees spazieren gehen oder joggen kann, während es verboten blieb, mit dem Einer über den See zu rudern. Den nichtorganisierten Sport besser zu stellen als den Vereinssport und den Vereinen nicht das Vertrauen zu geben, dass sie die Abstands- und andere Gebote nicht wirksam umsetzen können, mag mit der unübersichtlichen Situation des ersten Augenblicks erklärbar sein, solche Maßnahmen sollten aber nicht länger das öffentliche Bild bestimmen und für Unmut und Unverständnis in der Bevölkerung sorgen.
Bis zum Stichtag 19. April, dem Ablaufdatum der ersten allgemeinen Corona-Beschränkungen, wollte der DRV die Füße stillhalten, auch um „keinen Imageschaden der Sportart durch Sonderbehandlung zu verursachen“, wie es DRV-Generalsekretär Jens Hundertmark ausdrückte. Das Hauptaugenmerk richtete sich auf die Zeit danach. „Wir hoffen, dass dann Kleinbootrudern erlaubt sein wird, und zwar flächendeckend und nicht von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich“ erklärte Hundertmark.

„Flaschenhals“, so stellte Werner Glowik, Vorsitzender des Hamburger Ruderverbandes AAC/NRB in Verhandlungen mit den Behörden fest, „war bislang die Benutzung der Bootshäuser.“ Doch „Duschen und Umkleiden müssen ja nicht benutzt werden, wenn man rudern will und es lässt sich auch regeln, wer wann welches Boot nutzen darf“, stellte er fest und wünschte sich eine rasche Umsetzung entsprechender Regelungen.

Die Vereine jedenfalls haben die Phase des Lockdowns befolgt und sogar pfiffige Ideen entwickelt, die Mitglieder trotz der Einschränkungen virtuell zu erreichen und zu bewegen. Per Video oder Livestream wurden Kräftigungs- und Fitnessprogramme geteilt. Große Ruderclubs wie der RC Allemannia luden ihre Mitglieder montags, mittwochs, freitags per App zur Gymnastik ein oder organisierten Hilfsaktionen für ältere Menschen. Kleine Ruderclubs wie in Wesel oder Homberg organisierten für ihre Jugend Aktionen wie „Wir bauen uns ein Ruderbootmodell“, um den Nachwuchs zu beschäftigen und die Vereinsbindung zu stärken (siehe Vereinsszene in diesem Heft).

Einen guten Impuls setzte auch Bundestrainerin Sabine Tschäge mit der DRV-Junior-Challenge, bei der sich die jungen Trainingsleute virtuell mit ihren Heimtrainingsleistungen messen und Preise gewinnen konnten. Nicht nur im Fall einer lang anhaltenden Krise ist eine virtuelle Vernetzung eine zentrale Aufgabe. Man stellt einfach – wie auf Instagram bereits zu sehen – sein Ergometer auf den Balkon und verbindet sich am heimischen PC mit anderen zum Ergometerrennen. Kreativität ist das Gebot der Stunde und ein guter Weg, damit aus dem Lockdown kein Knockdown wird. Dass die Digitalisierung in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, hat die Corona-Krise verdeutlicht. Die Vereinsaktivitäten hängen aktuell am seidenen Faden der digital geknüpften Netzwerke. Wie groß in diesem Punkt der Nachholbedarf ist, lesen Sie in diesem Heft ab Seite 46.

Dagegen beginnen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Clubs sich langsam abzuzeichnen. Weniger Einnahmen, weniger neue Mitglieder und – bei anhaltender Sperre des Betriebs – mehr Kündigungen werden zu Belastungen in jedem einzelnen Vereinsetat führen, vor allem bei Clubs, die auf Einnahmen der Gastronomie angewiesen sind, und bei den Verbänden. Der DRV hat die Mitarbeiter der Geschäftsstelle jedenfalls ab 15. April für drei Monate zu fünfzig Prozent in Kurzarbeit geschickt und die Trainer in elftägige Betriebsferien. Ob der Rudertag Ende Oktober in Schweinfurt durchgeführt wird, ist fast schon nicht mehr fraglich, auch er wird vermutlich erst 2021 stattfinden. Alle Präsidiumsmitglieder, so ein Insider, haben sich bereits verständigt, im Falle einer Absage an Bord zu bleiben und ihre Ämter solange weiterzuführen.

Dagegen sollte die Phase der Geisterbootshäuser möglichst rasch überwunden werden. Wie sich der Ruderbetrieb wieder aufnehmen lässt, ist noch umstritten: Im Einer oder als Paar bzw. häusliche Gemeinschaft im Zweier zu rudern, wäre eigentlich schon vor dem 19. April möglich gewesen und nach diesem Datum erst recht. Inwieweit sich die Abstandsregel im Sport einhalten lässt, wurde in einer Studie der Universität Leuven in Belgien untersucht. Im Ergebnis werden unter Anstrengung und in Bewegung mehr Speichelpartikel ausgestoßen als im Ruhezustand, vor allem aber erheblich weiter. Läufer ziehen quasi eine ganze Tröpfchenschleppe von bis zu 20 Metern hinter sich her. Beim Hintereinandersitzen wie beim Rudern ist das keine gute Idee, nicht einmal, wenn im Achter vier Ruderer auf Lücke säßen. Nun untermauert eine Studie noch keine generelle Erkenntnis, aber fest steht: Der Stresstest steht dem Rudersport erst noch bevor.

MICHAEL HEIN, THOMAS KOSINSKI