Ich fragte mich: „Wer ist bloß dieser Typ?“ – Nach den 6.000 Me- tern fingen wir an, uns Nachrichten über die Club-App zu schrei- ben. Natürlich hatte auch er unsere Sekundenabstände längst bemerkt. Wir schrieben uns freundlich, aber es war klar, dass wir beide längst das Messer zwischen den Zähnen hatten. Wir spürten virtuell den Atem des anderen im Nacken. Meine Taktik war, beim Halbmarathon richtig einen rauszuhauen. Das sollte mein „Finale“ werden. Die abschließenden 1.000 Meter wollte ich um keinen Preis der Welt noch mal angehen (im letzten Block ist alternativ ein Halbmarathon oder 1.000 Meter zu absolvieren, d. Red.). Die 3:17 Minuten aus der ersten Challenge schienen mir nicht noch einmal erreichbar. Ich stellte allerdings fest, dass die 21,2 Kilometer verdammt lang sein können. Ich teilte mir die Strecke falsch ein und brach am Ende ein. Hannes, dieser gerissene Fuchs, wartete an dem Wochenende, bis ich mein Ergebnis in die Club-App eingestellt hatte und setzte sich erst dann auf das Ergo. Er stellte mein Ergebnis (abzüglich 10 Sekunden) als Ziel- zeit ein und ruderte das Ding kontrolliert runter. Noch mal kon- tern, noch mal 21,2 Kilometer am selben Wochenende? – Für mich keine Option. Also begann ich, über die 1.000 Meter eine Woche später nachzudenken. Im Club wollten wir die 1.000 Meter als letzte Distanz als Team zusammen mit einem guten Essen feiern. Hier traf ich Hannes zum ersten Mal. Zu meinem Erstaunen war er nicht umgezogen. Er habe die 1.000 abgebrochen. Ich ahnte, was er vorhatte. Aber das ist bei den 1.000 Metern wesentlich schwerer als bei einem Halbmarathon. Bei 1.000 Metern müssen binnen drei Minuten alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Und so sprintete ich los – wieder ohne Taktik, fest entschlossen, „all-in“ zu gehen. Und wenn ich vom Ergo rutsche, wäre mir das auch egal. Schließlich hatten wir zwei Ärzte vor Ort. Einer von ihnen war Hannes. 1.000 METER SCHLECHT WIE NIE ... Ich nahm das Zugseil in die Hände, atmete dreimal durch und dann kam das Signal. „Schlagzahl, Schlagzahl…“ dachte ich. „Die ersten 10 Schläge schön schnell, bevor es in den Strecken- schlag geht … 8, 9, 10 … jetzt Streckenschlag ... nicht nach- lassen…. oh Gott, du bist viel zu schnell, das hälst du niemals durch ... erst bei 800 … gleich kommt der Mann mit dem Ham- mer Ecke … noch 750 Meter ... 700 … denk‘ jetzt nicht drüber nach, dadurch geht es auch nicht schneller … ich brauche Luft … wo kommt der Mann mit dem Hammer denn jetzt schon her? … gleich Halbzeit, erst Halbzeit? ... das schaffe ich nie … nicht aufgeben, noch 550 Meter … immer noch keine Halbzeit … der Speed fällt, … Split nur noch 1:42 Minuten … 1:44 ... noch 350 Meter …. der Hammer ist aber diesmal groß … nur noch 35 Schläge … 1 …2 ...1:47 … einfach weitermachen … ist doch alles Quatsch, soll Hannes doch vorbeiziehen … mir doch egal ... nein, nicht aufgeben, solange Hannes hinter dir steht … aua … noch 100, 80…10…. durch.“ Ich war komplett erledigt. Die Arme schmerzten, die Lunge brannte, völlig erschöpft krümmte ich über dem Display. Hannes fotografierte mich. Er grinste. Ich versuchte zu lächeln. Es ge- lang mir nicht. 3:21 Minuten. So schlecht war ich noch nie. Naja, ich war im Januar krank, konnte nicht gut trainieren. Dann der Stress auf Arbeit grade, die 21,2 Kilometer in der Woche davor. Aber 3:21 Minuten ... und Hannes hatte abgebrochen...? – Als wir den Abschluss der Ergo-Challenge feierten, stellte ich fest, wie die Zeit mehr und mehr in den Hintergrund rückte. Da sa- ßen richtig feine Leute am Tisch. Auch Hannes! Ein richtig net- ter Kerl. Vielleicht hätte ich mich mehr angestrengt, wenn er ein fieser Knochen gewesen wäre. Und diese Jagd nach den Se- kunden den ganzen Winter über. Das war doch irgendwo auch richtig lustig. Ist das nicht die eigentliche Seele des Sports? Man gibt sein Bestes, auch wenn keiner zusieht, ohne Medaillen. Und wenn ein anderer besser ist, dann ist das eben so. SIGNAL AUS DER CLUB-APP Da kann man trotzdem hinterher zusammen lachen. Ich hatte einen wunderbaren Abend. Mit Hannes und den anderen. Wir haben viel gelacht. Gegen Ende meinte mein Erzrivale, dass er am Sonntag ja noch mal die 1.000 Meter versuchen könnte, um mich zu überholen. Ich entgegnete, dass ich dann Montag mei- nerseits noch mal kontern würde. Wir stießen an und verspra- chen uns, dass wir unbedingt im Sommer mal Zweier rudern müssen. Ich war fürs Erste mit mir, meiner Zeit, Hannes und der Ergo-Challenge versöhnt. Am Sonntag hörte ich das „Pling“ meiner Club-App. Hannes. Ich öffnete das Foto und sah ihn, wie er und das Display des RowErg in die Kamera grinsten. Da stand 3:18 Minuten. „Schöne Grüße Hannes. Wir sehen uns im Sommer auf dem Wasser.“ – „Wer war das?“ fragte mein Sohn, der auch rudert. Ich erzählte ihm die ganze Story. „Papa, Du gehst einfach heute Abend in den Club und machst eine 3:17!“ - „Wenn das mal so einfach wäre“, gab ich zur Antwort. Aber cool wäre es schon, noch einen Konter zu fahren. Aber woher nehmen? DURCH DAS DORNIGE TAL DES LAKTATS Montagmorgen, ich hatte Geburtstag. Auf dem Weg zur Arbeit bog ich spontan zum Ruderclub ab. Minuten später saß ich auf dem Ergo und ruderte mich warm. Die 10 Minuten vergingen schneller als ich es gehofft hatte. Also, tatsächlich ein weiteres Mal durch das dornige Tal des Laktats? Schon nach 500 Metern wusste ich, dass es diesmal besser werden würde. Nach 750 Metern gratulierte mir zwar der Mann mit dem Hammer zum Geburtstag, doch hielt ich es für möglich, dass ich ihn noch ein bisschen hinhalten könnte. Er schlug dann hart zu. Aber erst in dem Moment, als das Display schon die er- lösende 0 anzeigte. Daneben standen 3:14,9 Minuten auf der Anzeige. Mit zitternden Händen tastete ich nach meinem Handy. „Foto, bevor die Anzeige verblasst. Das glaubt dir niemand!“ Dann noch ein Foto, nur für Hannes. Ich wurde durchströmt von einem Gefühl reinen Glücks. Ein Gefühl wie der Sonnenaufgang über dem See. So, als wäre man mit einem rostigen Haken ans Meer gefahren und unverhofft mit dem dicksten Fisch heim- gekehrt. Ein ungläubiges Gefühl diebischer Freude. Und das an meinem 48. Geburtstag. Den weiteren Tag verbrachte ich tan- zend wie auf einer Wolke. Eigentlich ist das alles nicht wichtig, aber eines weiß ich auch: Mein Glück an diesem Morgen war echt. JÖRN HARDER Hannes Kodal (AK 50 – 54) belegte in der Endabrechnung Platz 48 (von 369 Sportlern), Jörn Harder Platz 70. Sie trennten nach neun Wettbewerben 99 Punkte. Hannes fuhr die 1.000 Meter knapp vier Sekunden langsamer, hatte aber dank seiner Alters- klasse eine geringere Abweichung zur Weltbestzeit. INDOOR ROWING 47