Sie durchquerten mit Ruderbooten halb China: 19 Städte in sechs chinesischen Provinzen, mehr als 1.300 Kilometer. Die Wanderfahrt dauerte einen Monat und war der erste Versuch überhaupt, den Canal Grande von China zu (er)rudern. FISA-Schiedsrichter Ken Lee war dabei und berichtet von der großen Tour und den kleinen Freuden.
Ken Lee ist eigentlich ein Vertreter des Leistungssports. Der Koreaner, der seit einigen Jahren in China lebt, ist internationaler FISA-Schiedsrichter, ehemals ASEAN Regional Forum-Generalsekretär und FISA-Entwicklungsberater. Bei solchen Jobs sitzt man eigentlich nur selten noch im Boot. Und genau das wurmte Lee. Gemeinsam mit seinem chinesischen Freund Wang Shi, einst Präsident der Asian Rowing Federation, begann er, einen alten Traum zu verwirklichen: eine Wanderfahrt auf dem historischen Canal Grande, bei uns auch bekannt als Kaiserkanal. Rund 1.800 km ist das Bauwerk lang und gilt als Meisterwerk alter chinesischer Baukunst.
Erste Wanderfahrt auf dem Kaiserkanal
Ein Ruderteam, das die Idee begeistert aufnahmen, war schnell gefunden, vor allem, da die beiden nicht nur einen historischen einmaligen Kurs rudern und die Kultur des Landes erfahren wollten. Gleichzeitig sollte die Tour auch als Kampagne für den Umweltschutz dienen. Auf der Fahrt wurden regelmäßig Wasserproben entnommen, anhand derer der World Wildlife Fund die Wasserqualität des Kanals überprüfte – die Ergebnisse sind aktuell noch nicht ausgewertet.
Die Rudermannschaft bestand aus Mitgliedern von Deep Dive, einem chinesischen Sportunternehmen, das in China 22 Zentren für Wassersport und Fitness betreibt und dabei auch die Förderung von Gesundheits- und Umweltschutzzielen unterstützt. Bis auf Ken Lee sämtlich Chinesen: Unternehmer, Musiker, Juristen, Pädagogen und sogar ein Kulturforscher.
Die Marathon-Wanderfahrt begann am 11. September 2021 im Tongzhou Grand Canal Centre in Peking (weitere Stationen u. a. Yangzhou, Zhenjiang, Changzhou, Wuxi, Suzhou, Huzhou, Jiaxing, Hangzhou, Shaoxing) und endete am 13. Oktober 2021 in Ningbo – einer Co-Gastgeberstadt der 19. Asienspiele Hangzhou 2022. Innerhalb dieses Zeitraums ruderte die Crew eine Strecke von 1.300 km. Soweit bekannt ist diese Wanderfahrt der erste erfolgreiche Versuch in der 2.500-jährigen Geschichte Chinas, den Canal Grande mit Ruderbooten zu errudern.
Die Reise führte durch insgesamt 19 Städte in sechs Provinzen. Dabei stand nicht nur Rudern auf dem Programm. Ken Lee: „Wir sind den Kanal nicht einfach der Länge nach abgerudert, sondern haben ein anderes Konzept gewählt: Wir haben die Städte jeweils mit dem Boot erkundet. Jeder Tag begann damit, morgens die Kanalwasserstraßen zu durchrudern, um am Nachmittag die Geschichte und Kultur dieses Ortes zu erleben. Dann ging es mit dem Bus in die nächste Stadt. Es war eine fantastische Erfahrung, auf diesem „Kunstwerk“ Canal Grande zu rudern; ein bisschen so, als würde man die Chinesische Mauer erklimmen.“
Die tägliche Anstrengung im Boot hatte einen positiven Effekt: die Ruderer und Ruderinnen lernten, die Weisheit und Wissenschaft hinter der Schaffung des Canal Grande vor 2.500 Jahren zu schätzen, der als Lebenselixier des alten China diente. Unterwegs wurden sie immer wieder von den Bewohnern links und rechts des Kanals mit Applaus begrüßt. „Das Rudern auf dem Canal Grande verringerte die Distanz zwischen uns und den Bewohnern, die sich freuten, uns zwischen den Kähnen und Lastbooten zu entdecken.“ Im innerstädtischen Bereich wurde es dagegen häufig eng und unübersichtlich. Lee: „Manchmal mussten wir scharfe Kurven und auch fast 180-Grad-Drehungen mit den Booten vollziehen, um dem Lauf des städtischen Kanalsystems folgen zu können.“ Die alte chinesische Baukunst wurde regelrecht erfahren bzw. errudert. „Dies stärkte die Demut vor diesem alten Wissen“, ergänzt Lee. Oftmals wurden bis zu drei scharfe Kurven gebaut, um das anflutende Wasser zu verlangsamen. Mehrfach mussten zusätzlich alte hölzerne Tore durchfahren werden, die auch heute noch im täglichen Gebrauch sind und ähnlich wie Schleusen funktionieren und den Anstieg des Wassers regulieren. Die Gruppe nutzte auch die Gelegenheit, alte und moderne Museen auf der Strecke zu besuchen. Höhepunkt bildete der Besuch des „China Grand Canal Museum“ in Yangzhou.
Rudern, Kultur, Umweltschutz
Überall, wo die Ruderer Station machten, setzten sie sich für ihr Ziel, die Verbesserung der Wasserqualität des Flusses, ein. Rudern ist ein Wassersport, was liegt da näher, als sich für die Sauberkeit dieses Elements einzusetzen? Außer den Wasserproben für den WWF bildete der Einsatz für wiederverwendbare Wasserflaschen einen Schwerpunkt ihrer Kampagne. In China sind mehr noch als in Europa Einwegflaschen aus Kunststoff in Gebrauch, die aufgrund des fehlenden Pfandsystems oft achtlos in den Kanal geworfen werden. Lee: „In unseren Gesprächen wollten wir das Bewusstsein schärfen, auf Plastikflaschen zu verzichten, um den Kanal langfristig vom Plastikmüll zu befreien.“
Nach 32 Tagen erreichten die Boote Ningbo, eine Küstenstadt der ostchinesischen Provinz Zhejiang. Ken Lee zog nach all den Eindrücken aus einem für ihn zwar nicht ganz so fernen Land dieses Resümee: „Für mich war es eine Reise in die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart Chinas, eine einmalige Gelegenheit und ein unvergessliches Erlebnis.“ Das eine Fortsetzung finden soll. „Wir planen bereits ähnliche Programme: ein Grand Canal Youth Summer Camp, eine Grand Canal Regatta und eine Grand Canal Serial Rowing Tours für Masters Ruderer.“
Ken Lee

Jiaxing: Frühmorgens wied die Stadt vom Wasser aus erkundet. Foto: Ken Lee
CANAL GRANDE- Meisterwerk im alten China
Der Canal Grande, chinesisch auch Da Yunhe genannt, bezeichnet eine Reihe von Wasserstraßen in Ost- und Nordchina, die Hangzhou in der Provinz Zhejiang Hangzhou mit der Hauptstadt Peking verbindet. Mit einer Länge von über 1.800 km und einer Breite von bis zu 40 Metern ist der „Kaiserkanal“ die längste künstliche Wasserstraße der Welt, obwohl streng genommen nicht alle Abschnitte einen Kanal bilden. Der Beginn des Kanalbaus geht auf die Zeit um 600 v. Chr. zurück, im 14. Jahrhundert bildete das Wasserstraßensystem einen der Haupttransportwege im alten China. Ziel war es, überschüssiges Getreide aus dem landwirtschaftlich reichen Jangtse (Chang) zur Versorgung der Hauptstädte und der Armeen in Nordchina zu transportieren.
Im 19. Jahrhundert zerstörten eine Reihe katastrophaler Überschwemmungen die Deiche des Huang He (der sich allmählich in seinen heutigen nördlichen Verlauf verlagerte). Dies verursachte große Probleme im Kanalabschnitt zwischen Xuzhou und Huaiyin. Nach der Taiping-Rebellion (1850 - 64) und der Nian-Rebellion (1853 -68) wurde die Nutzung des Kanals als Hauptversorgungsleitung aufgegeben und er verfiel in seinen nördlichen Abschnitten allmählich.
Nach 1934 führte die chinesische Regierung umfangreiche Arbeiten am Kanal zwischen Huaiyin und dem Jangtse durch. Schiffsschleusen wurden gebaut, damit mittelgroße Dampfer diesen Abschnitt nutzen konnten. 1958 wurden die Arbeiten erneut aufgenommen, um das gesamte System als Fernwasserstraße für Schiffe mit einer Kapazität von bis zu 600 Tonnen wiederherzustellen. Zwischen 1958 und 1964 wurde der Kanal begradigt, verbreitert und ausgebaggert. Ein neuer Abschnitt mit modernen Schleusen wurde auf einer Länge von 65 km erschlossen. Der Kanal kann seitdem über seine gesamte Länge mittelgroßen Lastkahnverkehr aufnehmen. Der Hauptverkehr konzentriert sich jedoch auf die südliche Hälfte. Der Kanal wird auch genutzt, um Wasser vom Jangtse in die nördliche Provinz Jiangsu zur Bewässerung umzuleiten, wodurch eine doppelte Reisernte möglich wird.
Quelle: delphipages.live



