Vereine & Verbände

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130 Jahre Rudergesellschaft Wiking Berlin

Erfolgreich im Boot, stark auf dem Tanzboden

 

Wie heißt es so schön, Kinder wie ist die Zeit vergangen? Im Jahr 1895 waren zwei führende Köpfe des 1885 gegründeten Union Ruderclubs auf die Idee gekommen, einen großen Rennruderclub in Berlin zu gründen, der auch gesellschaftlich etwas darstellen sollte. Aus der Idee wurden bis heute 130 Jahre Rudern im Verein.

Bei dem einen Ideengeber handelte es sich um Eugen Holy, der zu dieser Zeit als 36-Jährig bereits seit knapp zehn Jahren er der Union angehörte und seit 1890 auch deren 1. Vorsitzender war. Bei dem anderen handelte es sich um keinen geringeren als den schon damals als Multitalent geltenden Bootsbauer, Architekten und Schriftsteller Wilhelm Rettig, der bereits den Berliner Ruderclub 1880 mitbegründet hatte und im Jahr 1890 zur Union gekommen war, um dort als Trainer zu arbeiten.

Aufgrund seiner raschen Erfolge mit seinen Trainingsruderern wurde Rettig noch im Jahr 1890 zum Ehrenmitglied der Union ernannt. Holy und Rettig hatten 1895 Verhandlungen mit der Forstverwaltung aufgenommen, um im damaligen Vorort von Berlin, in Niederschöneweide von der Forstverwaltung am Hasselwerder an der Spree ein Grundstück für ein repräsentatives Bootshaus zu erwerben, welches von Wilhelm Rettig bereits konzipiert worden war. Die Holy-Rettig‘sche Idee eines Bootshauses ging dabei weit über das hinaus, welches die Clubhäuser der damaligen Zeit ausmachte. Es galt nach seiner Einweihung im Jahr 1898 als die „Mutter der deutschen Bootshäuser“.

Als Partner für die Idee eines großen Clubs vor der Stadt im modernen Bootshaus galten zunächst der RV Amicitia, eine Gruppe von ehemaliger Verein 1876ern, geleitet von Paul Johannes Müller und die RG Victoria. Eigentlich sollte die Gründung des neuen Vereins mit dem Namen WIKING, Berlin noch im Dezember stattfinden wurde aber dann auf den 17. Januar 1896 verschoben. Man debattierte schließlich in den Reihen des Union RC und der Amicitia, hier unter Leitung von P. Johannes Müller, so lange, dass die eigentliche Fusion erst am frühen Morgen des 18. Januar um 1.30 Uhr stattfand. Der neu gegründete Verein hieß „WIKING, Berlin“.

Olympiateilnahme in London 1908

Doch konnte sich WIKING mit der Idee einer Holding mit angehängten Vereinen, wie Union RC, RV Amicitia, RC Allemannia und Verein Dt. Studenten beim DRV nicht durchsetzen. Im Mai erfolgte schließlich die Aufnahme in den Deutschen Ruderverband (DRV) ohne die Möglichkeit für die Untervereinigungen, bei DRV-Regatten starten zu dürfen. 1998 wurde das neue Bootshaus eingeweiht, 1902 der erste deutsche Meistertitel von Carl-Ekkehard Ernst gewonnen, 1908 vertrat Einerfahrer Bernhard von Gaza die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen von London und 1910 wurde die Marke von 400 eingeschriebenen Mitgliedern erstmals überschritten. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges hatte der WIKING bereits die zweite Position in der Liste der Deutschen Meistervereine eingenommen.

Seit den frühen 1930er Jahren fand die RG Wiking dann zu neuer Stärke im Rennrudern zurück. Trainerlegenden wie Charles Harding, Willibald Schreiber und vor allem Karl-Heinz Schulz formten die Trainingsleute des Vereins mit der Ruderidee des Steve Fairbairns zum Erfolg. Drei Deutsche Meisterschaften sowie diverse Finalteilnahmen, eine Vize-Europameisterschaft, eine Europameisterschaft, zwei Henley-Siege und die olympische Bronzemedaille im Achter 1936 sprechen Bände. Der englische Autor Julian Eyres schrieb erst vor wenigen Jahren, quasi antagonistisch zu Daniel James Browns Bestseller „The Boys in the Boat“ die Geschichte der Berliner Wikinger auf und veröffentlichte sie auf der Ruderwebseite „Hear the Boat sing“ unter dem Titel „The Boys in the German Boat“ (https://heartheboatsing.com/). 

1945: Volkssturm zerstörte Boote

1945 verlor der Verein alles, was ihn ausgemacht hatte. Rund 150 Mitglieder waren im Krieg geblieben oder in dessen Folge verstorben. Die Boote waren noch im April von Einheiten des Volkssturms zerstört worden, damit die russischen Soldaten beim Endkampf um die Reichshauptstadt am Übertritt über die Spree gehindert wurden und im Oktober wurde das Bootshaus von der russischen Kommandantur beschlagnahmt.

Nach dem Krieg wurden zunächst alle deutschen Sportvereine von den Alliierten verboten. Die spätere Nutzung des ehemaligen Wiking-Bootshauses durch die bereits zu DDR-Zeiten international renommierte Schauspielschule „Ernst-Busch“ verbot auch nach der politischen Wende und der Wiedervereinigung beider Berliner Stadthälften eine Rückgabe. Im Jahr 2007 entschieden die Gerichte nach jahrelangem Rechtsstreit mit dem Land Berlin, es könne keine Rückgabe geben, da es sich hier um einen gesonderten Präzedenzfall handele.

1950: Wiedergründung in Neukölln

Dennoch gelang es im März 1950 im benachbarten West-Berliner Bezirk Neukölln den WIKING wiederzugründen. Ein sehr bescheidenes Nachkriegsheim konnte 1951 errichtet werden, an welches in den 1970er und -80er Jahren immer wieder angebaut wurde und welches als östlichstes Bootshaus des DRV, nur vom Teltowkanal getrennt, direkt gegenüber der Berliner Mauer stand. Dennoch wurden hier, unter anderem jeweils bei den Wiking-Sternfahrten ab 1962, bis zum Ende der 90er Jahre tolle Feste gefeiert. Hier seien neben den großartigen Neuköllner Ruderregatten, die Wiking-Sternfahrten genannt (1986 im Jahr des 150. Jubiläums des DRV mit einer Rekordbeteiligung von 175 Gig-Booten) und im Frühjahr 1996 anlässlich des 100. Wiking-Jubiläums der Tag des deutschen Rudersports.

Seit 1998 wurde dann schon wieder gebaut, denn bedingt durch den Autobahnbau des Zubringers zum Flughafen Schönefeld (jetzt BER) musste die RG Wiking erneut aus übergeordneten Gründen weichen. Im Jahr 2000 wurde das neue, großzügige Bootshaus für 180 Männer eingeweiht und seither ständig optimiert: Ausbau des Dachgeschosses, energetische Anpassung, Ausbau und Verlängerung der Steganlage, Anschaffung neuer Bestuhlung, Fertigstellung der Saalbeleuchtung, Ausbau des Damenbereiches und Anbau einer großen Ergometer-Halle sind nur einige der Maßnahmen. Vor allem konnte im Jahr 2008 das Grundstück vom Land Berlin erworben werden. Sehr stolz sind die aktuell 275 Wikinger darauf, dass sie rechtzeitig zum 130. Jubiläums fast schuldenfrei (bis auf den Kredit für die 2025 fertig gestellte Ergohalle) sind, denn der Bootshausneubau ab 1999 war mit einer hohen Kreditaufnahme beim Land Berlin verbunden. 

Sportlich erfolgreich – damals wie heute

Auch sportlich ist der WIKING bis heute erfolgreich geblieben und versucht nach wie vor, möglichst den Vereinsbootgedanken hochzuhalten. Drei Olympiateilnahmen, darunter zweimal Bronze, bei Weltmeisterschaften dreimal Gold und zweimal Silber, bei U23 Weltmeisterschaften sechs Medaillen, bei Europameisterschaften drei Medaillen, zudem 37 Deutsche Meisterschaften, 18 Deutsche U23-Meisterschaften und 10 Deutsche Jugendmeisterschaften zeugen davon, dass das Rennrudern bis heute als Ziel des Vereins in der Satzung festgeschrieben steht.    

Ein erfolgreicher und stolzer Verein wie der WIKING kann feiern. 60 Jahre, 75 Jahre, 100 Jahre, selbst das 125-Jährige wurde trotz Coronabeschränkungen würdevoll begangen. So war klar, auch die 130 soll angemessen gefeiert werden. Das geschah in diesem Jahr im Januar in traditioneller Form mit dem alljährlichen Winterball. Denn diese Tradition leben die Wikinger bereits seit ihrer Gründung am 18. Januar 1896, nur unterbrochen durch Not- oder Kriegszeiten. Seit 1901 findet der Winterball in einem repräsentativen Saal außerhalb des Bootshauses statt: in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in den Festsälen der Schlaraffia und danach im noblen Hotel Kaiserhof.

Mit dem Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin-Neukölln wurde der Winterball ab 1952 zunächst im kleineren Rahmen durchgeführt; seit Mitte der fünfziger Jahre bezog man für die Ballnacht jedoch wieder das neu erbaute und repräsentative Haus der Kaufleute, bevor man 1966 in den Schlosssaal des Bristol Hotel Kempinski zog.

Die Covid-Pandemie führte 2021 zu einer Unterbrechung bis 2023, und schließlich zum Umzug nach Neukölln. Hier gab es in 2023 einen Neubeginn im Estrel-Saal des gleichnamigen Hotels. Der Winterball der RG Wiking e.V. ist nun auch ein „Ball des Neuköllner Sports“ zudem anlässlich des 130. Jubiläums rund 190 Festgäste in das Estrel Hotel in Berlin-Neukölln strömten.

Denn zum 130. Stiftungsfest gab es noch ein besonderes Ereignis: Ein Rennachter wurde im Foyer des Estrel-Saales getauft. Wobei das neue Flaggschiff der Wikinger, so wie es da präsentiert wurde, angestrahlt im Scheinwerferlicht und verziert mit Blumen- und Flaggenschmuck, wohl das Herz eines jeden Ruderers höherschlagen ließ, eben ein wunderschönes Bild. Aus diesem Anlass war der Geschäftsführer der Empacher-Werft, Helmut Empacher zusammen mit seiner Tochter angereist. Ebenso Thomas Müller, der Enkel des Mitbegründers der RG Wiking e.V., Paul Johannes Müller (PJM), und Senior-Gesellschafter der VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken GmbH, der dann auch die Taufe des Bootes auf den Namen „P. Johannes Müller“ vornahm.

Bevor es zur Taufe kam, stellte Matthias Herrmann mit kurzen Worten den Hintergrund der Namensfindung dar. Nachdem P. Johannes Müller (PJM) das Rudern beim BRV 1876 erlernt hatte und u.A. den Kaiser-Vierer in Grünau 1890 gewonnen hatte, führte er vor 130 Jahren die Mitglieder des Rudervereins Amiticia in die Fusion mit dem Union Ruderclub zur Gründung des WIKING, Berlin. Danach war er noch viele Jahre im Vorstand des neu gegründeten Vereins tätig. Außerdem war er es, der das Patent Wilhelm Rettigs zum Bau einer Schulbank nutzte um es in Serie zu produzieren und zu einem Welterfolg auszubauen, indem er die Firma VHS gründete. Im Jahr 1912 war er bei den Olympischen Spielen von Stockholm Sekretär des Dt. Olymp. Komitees und war ab 1913 Mitglied des Rechtausschusses, der für die Ausrichtung der Olympischen Spiele von Berlin 1916 gegründet worden war. PJM verstarb im Jahr 1922.

Neuer Achter zum 130. Jubiläum

Eine Spendenaktion anlässlich des 130. Jubiläums ermöglichte es, die finanziellen Voraussetzungen zur Anschaffung des neuen, gelben Rennachters für den Nachwuchs im Leistungsrudern zu erschaffen. So wurden die notwendigen 55.000 Euro von rund 40 privaten Spendern und Stiftungen aufgebracht. Sehr hilfreich waren hierbei auch die Zuwendungen der Richard-Motte-Schröder-Jugendstiftung und der Leffers-Sportstiftung.

Der erste Vorsitzende des Wiking, Dirk Thieslack, konnte in seiner Eröffnungsrede vor der Bootstaufe neben Gästen aus rund zwölf verschiedenen Rudervereinen auch mehrere besondere Gäste aus Politik und Sport begrüßen, darunter den Bundestagsabgeordneten der SPD, Hakan Demir, den stellvertretenden Bezirksbürgermeister Gerrit Kringel, den Fraktionsvorsitzenden der CDU in der BVV Neukölln, Markus Oegel, Michael Hehlke als Vertreter der Richard-Motte-Schröder-Jugendstiftung, Elfie Manteuffel und Bertil Wever als Vertreter des Vereins Freunde Neuköllns, Peter Mahlo und Joachim Goerke als Vertreter der Siegfried-Erdmann-Stiftung sowie den Ehrenwikinger Lutz Weiler.

Auch in diesem Jahr verstand es das Tanzorchester Christoph Sanft, ergänzt durch Sängerin Susann Hülsmann und Sänger Martin Stange, sein Publikum mit unterschiedlichsten Rhythmen und Tänzen zu begeistern. Die wenigen Orchesterpausen nutzte die Veranstalter auch beim diesjährigen 130. Jubiläumsball für besondere Einlagen.

So ehrte der Wiking-Sportvorsitzende Martin Hasse die Neuköllner Erfolgsruderinnen und -ruderer des Jahres 2025: Ewa Grzimek, Malin von der Aue, Xavier Seidel und Edvin Novak.

Das Feiern im WIKING aber geht weiter, den anlässlich des Jubiläums wird am 13. Juni 2026 im Rahmen der Ruderregatta Neuköllner Unternehmen die erste Bundesliga RBL-Regatta des Jahres vor dem Estrel Hotel auf dem Neuköllner-Schifffahrtskanal an der Ziegrastraße in Neukölln stattfinden und vom 18. bis 20. September treffen sich rund 1.000 Ruderinnen und Ruderer zum Neuköllner Ruderfestival mit Wiking-Sternfahrt, Internationaler Langstreckenregatta „Silberner Riemen von Berlin“, Preissprints sowie Kids Cup im Bootshaus des WIKING in Berlin-Britz.

Wolfram Miller/Matthias Herrmann

        

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