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Aktuelles zum Thema Rudersport.

Leistungssport - Die Sprache der Athleten

Trainer, Offizielle, Medienvertreter – der richtige Weg zu mehr Erfolg bei internationalen Wettkämpfen wird  vor allem in diesen Kreisen diskutiert. Die Athleten selbst kommen kaum zu Wort. Marie Markhoff ist Leistungssportlerin gewesen, war 2020 bei den EM der U23 in Duisburg im Vierer am Start. Sie hat mit Ruderern und Ruderinnen aus dem A- und U23-Kader gesprochen und deren Sichtweise protokolliert. Einige Sportler wollten gern anonym bleiben, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Die Autorin beschreibt nicht zuletzt deshalb in einem „Was-wäre-wenn-Szenario“, wie der Weg zum Erfolg hätte aussehen können. Sie hat für ihren Bericht aus der Zukunft den Herbst 2024 gewählt, unmittelbar nach den Olymischen Spielen von Paris...

Die Olympischen Spiele von Paris sind vorbei und der Deutsche Ruderverband kann mit Stolz auf die Medaillenausbeute blicken: Dreimal Gold, dreimal Silber und zwei Bronzemedaillen. Doch nicht nur das: Der DRV hat es geschafft, in sämtlichen olympischen Bootsklassen das Finale zu erreichen. Zur Erinnerung: Bei den Spielen vor drei Jahren 2021 in Tokio war es lediglich gelungen, die Hälfte der 14 Bootsklassen für den Start zu qualifizieren. Die sieben Boote konnten nur drei Finalteilnahmen und zwei Medaillen –  Silber für den Deutschlandachter und den leichten Zweier der Männer – einfahren.

„Enttäuschend“ nannte der damalige DRV-Vorsitzende Siegfried Kaidel das Abschneiden der deutschen Athleten. Zunächst sah es mit der Neueinstellung von Christian Felkel als Nachfolger des scheidenden leitenden Cheftrainers Ralf Holtmeyer danach aus, als sollen im Leistungssport sämtliche Strukturen auf den Prüfstand gestellt werden.

Doch schon nach kurzer Zeit warf Felkel enttäuscht das Handtuch, die anfängliche Motivation erlahmte und Sportdirektor Mario Woldt verkündete im Herbst 2021 bescheidenere Ziele: Die Spiele in der französischen Hauptstadt 2024 seien nur als „Aufbauspiele“ geplant. Erst einen Olympiazyklus später, in Los Angeles, wolle der DRV wieder angreifen. Grund für diese wenig ambitionierte Annahme waren die dauerhaften Unstimmigkeiten zwischen Verband und Vereinen über die Konzeption des Leistungssports. Stichwort „Zentralisierung“, aber auch die „Grabenkämpfe“ innerhalb der Trainerschaft und die große Lücke, die erfahrene Kaderathleten und -athletinnen durch ihren Abgang aus dem Hochleistungssport hinterlassen hatten. Doch es kam anders: Die Leistungsdifferenz war kleiner als erwartet, DRV und der deutsche Rudernachwuchs konnten die Lücke überraschend schnell schließen, sodass Deutschland bereits 2024 im Medaillenvergleich wieder vorne mit dabei ist.

Wie konnte das gelingen? Wie konnten die Hebel umgelegt werden und der deutsche Ruderverband wieder in die Erfolgsspur zurückkehren? Der „Gamechange“ begann fast unmerklich an berühmter Stätte. Noch zu Beginn des Jahres 2022 stellte die neue leitende Bundestrainerin Brigitte Bielig im Interview mit rudersport fest, dass von einer Zusammenarbeit im Trainerteam nicht viel „übriggeblieben war“. Gemeinsam mit Mario Woldt veranstaltete sie im Februar 2022 in der Ruderakademie Ratzeburg, wo auch Karl Adam einst den Grundstein seiner Erfolgsgeschichte legte, einen Trainerworkshop, um eine Art Teambuilding innerhalb der Trainerschaft zu initiieren und ein gemeinsames Verständnis von der Arbeit mit den Leistungskadern zu gewinnen.

Hintergrund bildete u. a. eine Studie der Deutschen Sporthilfe, die im November 2021 veröffentlicht wurde. In der von der Sporthochschule Köln durchgeführten Umfrage unter 1.122 von der Sporthilfe geförderten Sportlern (siehe rudersport 2022, Heft 1-2) bewerteten zwar 77,8 Prozent der Befragten ihre Trainingsanlagen als gut, weniger zufrieden waren sie allerdings mit den Trainern: 72 Prozent beklagten die fehlende Expertise der Trainer, 67 Prozent bemängelten deren Führungsstil. Die Studie bilanzierte eine hohe Unzufriedenheit der Athleten mit ihrer Trainings- und Lebenssituation.

 

Die Athleten als Ausgangspunkt für den Erfolg

 

Während andere erfolglose Nationen unmittelbar nach den Olympischen Spielen von Tokio eine zum Teil schonungslose Analyse und Ursachenforschung betrieben und weitreichende Konsequenzen zogen, holte der Deutsche Verband dies nach – und nun wird es fiktiv – mit der Entscheidung, künftig den Athleten und Athletinnen verstärkt Gehör zu schenken. Denn sie sind es schließlich, die am Start stehen und die Medaillen für den Verband gewinnen.

In einem ersten Schritt wurden im Frühjahr 2022 eine Reihe von Interviews mit Ruderinnen und Ruderern aus allen Bootsdisziplinen geführt, um den Trainingsalltag und die genauen Trainings- und Lebensbedingungen der Athleten besser kennen und einschätzen zu können. In einer Art Bestandsaufnahme wurden die Sportler und Sportlerinnen zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und ihrer Zufriedenheit mit den Trainingsstätten befragt. Hier die markantesten Statements:

 

- „In den DRV-Trainingslagern wird viel intensives und extensives Grundlagentraining betrieben, aber wenig wettkampfspezifisch trainiert. Das hat mir in den USA besser gefallen, ich vermisse es hier.“ (Stephan Riemekasten, A-Skuller).

- „Die Aufklärungsangebote zur psychologischen Unterstützung und Ernährungsberatung sind nicht ausreichend, dabei spielt der Kopf in unserem Sport eine so wichtige Rolle.“ (anonym).

- „Die Krafträume in Ratzeburg und Hamburg sind zwar ausreichend ausgestattet und funktionieren soweit, modern sind sie aber mit Sicherheit nicht.“ (Henrik Runge, A-Skuller).

- „Ich bin kein großer Fan von Berlin-Grünau. Die Strecken sind weit, die Unterbringung in Viererzimmern ist nicht gerade optimal und das Essen ist qualitativ auch nicht angemessen.“ (Jannis Matzander, U23-Riemer).

- „Ich finde es absolut unverantwortlich, dass die sportärztliche Untersuchung nicht verpflichtend ist und Sportler und Sportlerinnen auch ohne Untersuchung auf Regatten starten können. Der Todesfall von Max Reinelt zeigt, was unentdeckte Erkrankungen für Folgen haben können.“ (anonym).

- „Ich bekomme von meinen privat bezahlten (!) Physios regelmäßig die Rückmeldung, dass mein körperlicher Zustand nicht gut sei, weil ich trotz hohen Trainingspensums keinen Zugang zu regelmäßigen Physiostunden habe. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden.“ (anonym).

- „Abmachungen mit den Trainern gehen oftmals unter, weil Trainingsgespräche nicht schriftlich festgehalten werden.“ Es heißt dann immer: „Dies wurde nicht an uns herangetragen.“ (Torben Johannesen, A-Riemer).

- „Leider können sich nur noch wenige Spitzenruderer und -ruderinnen mit ihren Vereinen identifizieren, weil sie schlichtweg nie da sein können.“ (Henrik Runge, A-Skuller).

- „Ich habe nur wenige Trainer und Trainerinnen erlebt, die die Arbeit wertschätzen, die die Trainierenden in ihren Traum und ihre Visionen stecken.“ (Christian von Warburg, A-Skuller).

 

Diese Kritik nahm der Verband ernst. Dank der neuen Verbandsstruktur kam es schon im Spätherbst 2022 zu folgenden Beschlüssen, die den Trainingsalltag der Athleten verbessern halfen:

- Die bereits angelaufenen Sanierungen der Ruderzentren in Hamburg-Allermöhe und Ratzeburg wurden zügig vorangetrieben. Zudem wurde die Planung zur Grunderneuerung des Stützpunktes in Berlin-Grünau aufgenommen.

- Die psychologische Unterstützung der Athleten sowie die Angebote zur Ernährungsberatung wurden in den Stützpunkten flächendeckend eingeführt. Denn, so die Leiterkenntnis, physische Leistungen können nur erbracht werden, wenn auf Körper und Kopf gleichermaßen achtgegeben wird.

- Eine sportärztliche Untersuchung wurde verpflichtend für alle Altersklassen eingeführt und alle anfallenden Kosten übernommen.

 

Foto: D. Seyb hat seine GoPro-Kamera am Skull befestigt und dieses Bild automatisch ausgelöst.

Einen besonderen Effekt entwickelte eine Maßnahme, die anfangs innerhalb der Verbandsgremien noch umstritten war: Die Trennung zwischen olympischen und nichtolympischen Bootsklassen wurde aufgehoben um die Einheit unter den Athleten herzustellen und die Zweiklassengesellschaft innerhalb des Leistungssport abzubauen. Diese Investition in ein besseres Miteinander zahlte sich unmittelbar aus. Von Januar 2022 an konnte jeder Ruderer und jede Ruderin, der an einem der Leistungszentren trainierte, das Angebot an Physiostunden, die Räumlichkeiten des jeweiligen Olympiastützpunktes sowie die dortige Laufbahnberatung nutzen.
Der konsequente Weg zur Verbesserung der Trainingsbedingungen wurde im Frühjahr 2023 fortgesetzt und um weitere Maßnahmen ergänzt:

- Der gesamte Trainerstab wurde mit Hilfe eines Führungskräftetrainings und einer Kommunikationsschulung weitergebildet, um einen wertschätzenden Umgang mit den Athleten zu fördern.

- Um die Verbindlichkeit in den Absprachen zwischen Trainern und Sportlern zu optimieren, wurde eine schriftliche Protokollierung aller Trainingsgespräche vereinbart.

- Das Training vor allem im  A- und U23-Bereich soll insgesamt individueller und wettkampfspezifischer werden. Hintergrund: Schließlich sind gerade gestandene Athleten bereits „alte Hasen“ im Leistungssport und kennen ihren Körper genau. Da international die Rennen schneller und hochfrequenter geworden sind, wie dies am Beispiel der amerikanischen Universitäten nachvollzogen wurde, wurden in denTrainingsplänen mehr Belastungen und höhere Frequenzen aufgenommen.

- Die Vereinsbindung der Hochleistungssportler wurde verstärkt. Fortan konnten die Trainierenden regelmäßig Einheiten im Heimatverein absolvieren und an Vereinsveranstaltungen teilnehmen. Gerade im Spitzenbereich war in der Vergangenheit der Kontakt zum Verein durch das Training an nationalen Stützpunkten verloren gegangen. Doch die Vereine sind es, die ihre Sportler finanziell, aber vor allem auch mental den Rücken stärken. Über den intensivierten Vereinsbezug wurde nun auch die Vorbildfunktion der Hochleistungssportler an die Basis wieder erkennbar. Die Jugend- und Nachwuchsarbeit in den Vereinen ist seitdem sprunghaft angestiegen.

 

Transparenz bei den Nominierungsrichtlinien

 

Einen weiteren wichtigen Aspekt des Reformpaketes, mit dem der Ruderverband wieder in die Erfolgsspur zurückfand, stellte die Nachvollziehbarkeit der Nominierungsrichtlinien dar. Die Kriterien, wer wann auf Grundlage welcher Entscheidungen zu einem Wettkampf fährt, sind seit jeher ein Streitthema. Sie sind Resultat aus verschiedenen objektiv messbaren Kriterien sowie einer subjektiven Trainerbewertung. In der Befragung der Sportler wurde vielfach bemängelt, dass jedoch „die Nominierungsrichtlinien absolut intransparent und nicht verständlich sind. Diese sagenumwobenen 10 Prozent Trainerbewertung scheinen immer wieder maßgeblich bei den Entscheidungen zu sein, transparent sind sie aber nicht. Man könnte sie viel eher als eine ´Black Box´ bezeichnen.“ (Christian Von Warburg, A-Skuller).

Der Verband entschied bereits zur vorolympischen Saison 2023, Transparenz zum Leitmotiv der Nominierungsrichtlinien zu erheben. Hilfreich war hier der fortschreitende Digitalisierungsprozess innerhalb des Verbandes, der aktuelles Datenmaterial verarbeiten und den Athleten zur Verfügung stellen kann. Sportlerinnen und Sportler bekommen nun regelmäßig mitgeteilt, wo genau sie im nationalen Vergleich mit ihren Leistungen stehen. Eine Art „Ranking“ gibt Auskunft über Ergowerte, Wasserzeiten und Krafttrainingsergebnissen der Konkurrenz. Berücksichtigt im Ranking werden auch Athleten und Athletinnen ohne Kaderstatus, um den Einstieg in die Nationalmannschaft zu erleichtern.

 

Kooperationen mit Universitäten und Ausbildungsstätten

 

Dritter Punkt des Reformwerks war die bessere Vereinbarung von Training und Beruf bzw. Studium. Viele Athleten und Athletinnen machte die fehlende Abstimmung zwischen diesen Lebensbereichen zu schaffen. Oft bestand ihr Alltag aus dem Hetzen zum Training, zur Vorlesung oder zur Arbeitsschicht. Eine ständige Belastungsprobe, die der Leistungsentwicklung diametral entgegenstand. Die Athletenbefragung gab hier ebenfalls eindeutige Belege: „Das Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen, ist absolut utopisch. Auch wenn die Trainer versuchen, uns mit den Trainingsplänen entgegenzukommen, erfahren wir kaum Unterstützung seitens der Uni.“ (Jannis Matzander, U23-Riemer).

Der Verband startete daraufhin eine Initiative, die Universitäten und Ausbildungsstätten mehr „ins Boot zu holen“. Den Hochschulen wurden Aktivenlisten zur Verfügung gestellt, damit diese einen Überblick über die im Leistungssport rudernden Studierenden haben. Dadurch konnten an vielen Fakultäten Ansprechpersonen benannt werden, die den Leistungssportlern beratend zur Seite stehen und bei allen Fragen rund um das trainings- oder wettkampfbedingte Anpassen von Prüfungen oder Seminararbeiten helfen.

 

Zwölf Prozent Trainingssteigerung

 

Schon zu Beginn des olympischen Jahres 2024 konnte in Vergleichstests zu 2021 festgestellt werden, dass sich die Trainingsleistungen der DRV-Athletinnen und -Athleten um durchschnittlich 12 Prozent verbessert hatten, in der Saison 2022 konnten erste Wettkampferfolge verbucht werden. 2023 gelang dann in Luzern der Durchbruch: sämtliche olympischen Bootsklassen konnten sich für Paris qualifizieren. Entsprechend groß war der Optimismus auf die Olympischen Spiele, die nun mit Ausbeute von acht Medaillen zu Ende gingen – dank einer Leistungssportreform, die sich nicht länger an Strukturen und Funktionen orientierte, wie noch zu Beginn der Zwanziger Jahre, sondern die direkt an einer Verbesserung der Trainings- und Lebensbedingungen der Athleten und Athletinnen ansetzte.

Marie Markhoff

 

Ein besonderer Dank geht an die Sportlerinnen und Sportler, die sich die Zeit für diese Umfrage genommen haben. Der Text entstand durch die Mitarbeit von Stephan Riemekasten, Henrik Runge, Christian von Warburg, Paula Rossen, Chiara Kracklauer, Jannis Matzander und Torben Johannesen sowie weiteren Sportlerinnen und Sportlern, die nicht namentlich genannt werden wollen.