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DDR-Rudern: "Sie alle wollten"

Gespräch mit letztem DRSV-Präsidenten Wilfried Hofmann

In diesen vorolympischen Tagen erinnern sich manche  - vielleicht etwas wehmütig - über vergangene Erfolge und Medaillen deutscher Ruderer bei Olympischen Spielen - wahre Medaillenfluten. Viele Medaillen errangen bis zur Wende Sportler der DDR. Eine halbe Zugstunde von Berlin gen Osten wohnt Wilfried Hofmann, von 1974 bis 1990 Präsident des Ruderverbandes der DDR (DRSV), sowie von 1978 bis 1993 Mitglied des Rates des Weltruderverbandes FISA.

rudersport berichtete in Heft 8/2023 unter dem Titel „Ruder-Titan DDR“ über das Rudern jenseits der damaligen Mauer. Dass längst nicht alles erzählt ist und die Sichtweisen naturgemäß stark divergieren, wird in einem Gespräch mit Wilfried Hofmann deutlich. Es besteht Redebedarf über viele offene Fragen und unbekannte Geschichten über das Rudern in der DDR.


Die Präsidenten Wilfried Hofmann (DRSV, li.) und Henrik Lotz (DRV) pflegten ein respektvolles Verhältnis. Foto: privat

Nicht Zuckerbrot und Peitsche

Die internationalen Rudererfolge im „anderen Deutschland“ stellten sich ab Mitte der 1960-er Jahre ein. Sie waren vielen (im Westen) unheimlich, manchen auch unerklärlich. Eines stellt Wilfried Hofmann klar: „Unsere gesamte Arbeit im Verband und das Training mit den Aktiven basierte nicht auf Zuckerbrot und Peitsche“. Der gerne genommene Begriff mag dem gleichlautenden Titel eines Buches entliehen sein, das sich mit dem Mannheimer Rudertrainer Fritz Gewinner befasst und ist insofern unpassend. Hofmann betont: „Alle unsere Athleten waren freiwillig dabei, weil sie es wollten. Ihr Ziel war Europameister, Weltmeister und Olympiasieger zu werden.“

Der Weg dahin war freilich hart, auch für den Verband. Der DRSV schaute sich in den 1950-er bis 1960-er Jahren seine Trainingsmethoden zunächst einfach vom westdeutschen Ruderprofessor Karl Adam ab. Als dessen Ruderer auf dem Ratzeburger See trainierten, lagen Späher der DDR im Schilf am Ostufer und beobachteten die damals erfolgreiche Methode des Intervalltrainings. Sechsmal 500 Meter mit einer Minute Pause. „Wenn wir achtmal 500 Meter fahren, müssten wir doch besser sein“, dachten sich die Ruderverantwortlichen in Ost-Berlin. Doch sie täuschten sich. Warum? Unter anderem, weil sie den von Karl Adam genauestens berechneten wissenschaftlichen Hintergrund nicht kannten.

Übrigens: 1972 beobachtete ein Westdeutscher Trainer im Höhenlager in Kaprun die trainierenden Ruderer der DDR. Bereits zu dieser Zeit überlegten die bekanntesten Rudertrainer des DRV, wie Adam und Kuhlmey-Becker ihr nicht mehr so erfolgreiches Intervalltraining umzustellen. Es gab verschiedene Vorstellungen, so unter anderem auch eine Mischung zwischen Intervall- und Ausdauertraining.

Wende durch Professor Körner

Wilfried Hofmann, der in diesem Jahr 92 Jahre alt wird, sagt: „Wir haben den Adam einfach kopiert, sind von 1959 bis 1964 aber immer hinterhergefahren“. Bis Professor Theo Körner in der DDR die Ausdauermethode entwickelte, die erstmals 1966 bei der Weltmeisterschaft in Bled zum Erfolg führte. Drei DDR-Boote holten den Titel, zwei gewannen Bronze, dazu kamen zwei vierte Plätze und der erste Platz im Weltrudersport, den die DDR bis 1990 erfolgreich verteidigte. Körner avancierte fortan mit seinem Trainerkollektiv und überragenden Erfolgen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu den erfolgreichsten Rudertrainern der Welt. Körner war auch nach der Wende, als er in Italien und Australien arbeitete, bei seinen Trainerkollegen in aller Welt beliebt, nicht nur wegen der exakten wissenschaftlichen Begründung seiner Methode, sondern auch wegen seiner (im Rahmen der damals erlaubten) offenen und freundschaftlichen Art, mit der er seine Kenntnisse vermittelte, wie der Deutsche Ruderverband in einem Nachruf zum Tode Körners im Jahre 2016 schrieb.

Verhältnis DRSV-DRV

Hofmann betont im Gespräch mit rudersport sein gutes Verhältnis zu Henrik Lotz, der sein West-Pendant in den Jahren der Wende war: „Keiner von uns hätte nach den langjährigen Kontakten, die wir bei FISA-Regatten und Olympischen Spielen hatten, daran gedacht, dass es jemals eine ruderische Wiedervereinigung geben würde, wie wir sie jetzt haben“. Lotz schreibt nach dem Fall der Mauer an seinen DDR-Kollegen: „Sicher entspricht manches nicht den Vorstellungen und Erwartungen, die Ihr dabeigehabt habt und es ist auch auf Eurer Seite viel Unverständnis gewesen, aber vieles lag nicht im Rahmen meiner Handlungsmöglichkeiten. Ich habe Dich während der vielen Jahre unter anderem schätzen gelernt, weil Du immer geradeaus und verständlich warst. Ich hatte den Eindruck, dass Du ein guter, sicherer Verbandspräsident warst“, so Lotz, der 2020 verstarb, in einem bislang unveröffentlichten Brief an Hofmann. BL

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