Der Tag, auf den er hingearbeitet hat
Mit breiter und auch mit unbekleideter Brust rudert Oliver Zeidler in Paris im Training über die Strecke. Im Training sieht es aus, wie gute halbe Rollbahn, im Rennen wird es wohl wieder eher nach einem "Viertelchen" aussehen. Heute um 10:30 Uhr werden wir es erleben.
Oliver Zeidler greift die effektive Länge und rollt dann nicht mit der Hüfte ein, wie sein gleichgroßer Konkurrent aus NED. Pick and go! Und dazu eine ungewöhnlich hohe Schlagzahl, das sind seine Markenzeichen. Im Halbfinale hat er en passant die olympische Bestzeit pulverisiert, im Finale könnte die Weltbestzeit gebrochen werden. Es ist etwas kühler, ein leichter Schiebewind wird helfen und sprinten wird er dann sicherlich auch, alles was geht. Denn der Niederländer Simon Van Dorp neben ihm, auf Bahn 4, wird auf den dritten 500 Metern angreifen und auf den letzten 500 Metern alle Fragen stellen.
Wenn es optimal läuft, wird Oliver Zeidler schon mit den Startschlägen vorne dabei sein, sich dann über die 250-Meter-Marke nach vorne schieben und je nach Adrenalin und Aufregung eine halbe, eine ganze Länge oder, was besorgniserregend wäre, mit Wasser auf die zweiten 500 Meter gehen. Alle Gegner kennen seinen Rennplan. Manche werden vielleicht kontern, wie der Grieche Ntouskos es in der Vergangenheit schon tat, oder vielleicht auch der Belgier, beide vormals Leichtgewichte, beide auf den Außenbahnen und Außenseiter.

Oliver Zeidler fuhr mit starken Schlägen im Halbfinale sein eigenes Rennen. Foto: J. Kowacic
Die anderen beiden großen Ruderer aus Neuseeland und AIN werden versuchen, schneller als sonst loszufahren und sich an Zeilder oder wenigstens an Van Dorp dranzuhängen. Der Kampf um Bronze wird für sie vermutlich übrig bleiben. Simon van Dorp wird voraussichtlich, wie in allen Rennen hier, ökonomischer über die erste Streckenhälfte gehen. Sein Ruderstil erlaubt ihm, Kräfte zu sparen. Nach Tokio ist er aus dem Hollandachter ausgestiegen und 2022 in den Doppelvierer gewechselt, dann 2023 in den Einer.
2023 hat er bei EM, WC und WM nur gegen Zeidler verloren. 2024 in Luzern, als Oliver Zeidler nicht ganz fit war, hat er ihn auf den letzten 150 Metern so unter Druck gesetzt, dass der Deutsche mehr oder weniger stehend K.O. ging. Eins ist sicher: Hier ist Zeidler fit, olympisch fit. Falls doch einer der beiden sein Waterloo erleben sollte, wird vermutlich Thomas Mackintosh, der Schlagmann vom Olymiasiegerachter, zur Stelle sein und Bronze gegen Silber tauschen.
Der Olympiasieger im Einer aus Griechenland hat hier bereits gegen alle drei Medaillenfavoriten verloren - im Vorlauf, Viertel- und Halbfinale. Aber ein Finale ist ein Finale und in Tokio flog er darin über die Bahn, als ob die nicht völlig unruderbar gewesen wäre. Es ist, wie Oliver Zeidler nach dem Halbfinale sagte: "Die im Finale rudern, sind alle sehr gut und es kann ganz anders aussehen als am Donnerstag in den Halbfinals". Tout le monde y va, l'histoire est faite.
Er spüre keinen Druck, er sei nicht Olympiasieger, er habe einen Plan, den wolle er umsetzen, dann müsse man sehen. Bon. Wenn es ins Fotofinish geht, dürfte er, wie in der Vergangenheit schon, seine Erfahrungen aus dem Schwimmsport nutzen, eine Armlänge ist da schon viel. Allez le noir-rouge-or!
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